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Interview mit Ralph Beisel, Chef Flughafenverband ADV

«Einnahmen sind zu über 90 Prozent weggebrochen»

Die deutschen Airports sähen sich mit einer Krise unbe­kann­ten Aus­ma­ßes kon­fron­tiert, sagt Ralph Beisel. Im Interview fordert der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV staatliche Hilfe - schnell und unkompliziert.

Lufthansa/ADV/Montage aeroTELEGRAPH

Ralph Beisel: «Trotz Kurzarbeit und drastischer Sparmaßnahmen kann der Einnahmerückgang auf der Kostenseite nicht aufgefangen werden.»

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie schlimm ist die aktuelle Krise für die deutsche Flughäfen?
Ralph Beisel*: Nach aktueller Lage sind die Flughäfen auf der Stufe 10 einzuordnen.

Warum?
Die Flughäfen vermelden einen traurigen Rekord. Noch nie gab es seit dem Beginn der Zivilluftfahrt einen solch drastischen Einbruch. Aktuell liegt der Rückgang bei den Passagieren bei 94,9 Prozent. An den Flughäfen sind die Terminals so leer wie im Supermarkt die Regale.

Was macht den einzelnen Flughäfen denn am meisten zu schaffen?
Die wirtschaftliche Lage der Flughäfen verschärft sich von Woche zu Woche und zwingt sie zu drastischen Sparmaßnahmen. Die Einnahmen sind zu über 90 Prozent weggebrochen. Trotz Kurzarbeit und drastischer Sparmaßnahmen kann der Einnahmerückgang auf der Kostenseite nicht aufgefangen werden. Der allergrößte Anteil an den Kosten der Flughäfen sind Fixkosten, insbesondere Kapitalkosten. Anpassungsmaßnahmen bei den Flughäfen sind schwieriger umzusetzen als bei anderen Unternehmen.

Wen trifft die Krise schlimmer, die großen oder die kleinen, regionalen Flughäfen? Warum?
Von dem Einbruch des Passagierverkehrs sind alle Flughäfen gleichermaßen betroffen. Luftverkehr ist aber weiterhin möglich. Im besten Sinne der öffentlichen Daseinsvorsorge sind alle Flughäfen in Betrieb. Obwohl damit kaum Einnahmen zu erzielen sind, können die dringend benötigten Krankentransporte sowie Fracht- und Rückholflüge weiterhin problemlos abgewickelt werden.

So schnell und so unkompliziert wie möglich.

Der Flughafenverband ADV fordert nun Hilfe vom Staat. Wie schnell muss dieses Geld fließen?
Airlines und Flughäfen ermöglichen Rückholflügen sowie die Aufrechterhaltung der Logistikketten und die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern. Ein Flughafenbetrieb ohne Einnahmen lässt sich allerdings nicht lange durchhalten. Wenn Flughäfen in schwierigen Zeiten ihre Funktion der Daseinsvorsorge erfüllen, erwarte ich, dass die Politik den Flughäfen unter die Arme greift. Liquiditätshilfen und Kostenübernahmen sind dringend erforderlich, und zwar so schnell und so unkompliziert wie möglich.

Reichen Kurzarbeit und andere Sparmaßnahmen denn nicht?
Die Flug­hä­fen sehen sich mit einer Krise unbe­kann­ten Aus­ma­ßes kon­fron­tiert. Einige Standorte werden auf die Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen sein. Neben dem dringend erforderlichen Zugang zu Programmen zur Liqui­di­täts­si­che­rung kann ich nicht ausschließen, dass wir auch über Zuschüsse oder Staatsbeteiligungen sprechen müssen.

Über welche Summen sprechen wir insgesamt?
Auf Grund der unbestimmten Dauer der Krise und einem unklaren Hochlaufen nach der Krise können wir die wirtschaftlichen Schäden derzeit noch nicht beziffern. Jeder Passagier weniger führt bei einem hohen Fixkostenanteil unmittelbar zu Verlusten. Wir rechnen insgesamt mit einem Schaden für die Flughäfen in Milliardenhöhe

Wir stellen aktuell auch nicht die Existenz von Autobahnen in Frage, obwohl diese kaum genutzt werden.

Was ist denn Ihre Prognose: Wie lange wird die Krise den Flughäfen noch zu schaffen machen?
Noch ist nicht absehbar, wann wir die gesundheitlichen Herausforderungen der Corona-Krise gemeistert haben. Für die Abgabe einer Prognose ist es noch zu früh. In jedem Fall wird sich der Markt ändern: Die Vielfalt der Akteure in der Luftverkehrs- und Reisebranche wird sich verringern. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Verkehrsangebot an den Flughäfen. Langfristig bleibe ich aber optimistisch für die Reisebranche und den Luftverkehr. Die Menschen wollen global mobil sein und bleiben. Gerade jetzt in Zeiten der Beschränkung der persönlichen Freiheit spüren wir es.

Ketzerisch gefragt: Ist die Krise nicht auch eine Chance für eine Marktbereinigung? In Deutschland gibt es doch ganz einfach zu viele Flughäfen?
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein föderaler Staat mit vielen starken Wirtschaftsregionen. Analog dazu hat sich das polyzentrische Flughafennetz ausgebildet. Viele Standorte sind für die Anbindung ihrer Region unverzichtbar und stellen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Wir stellen aktuell auch nicht die Existenz von Autobahnen oder Landstraßen in Frage, obwohl diese kaum genutzt werden.

Und gibt es damit keine Probleme mit der EU?
Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfe ADV erwartet von der EU-Kommission, dass sie bei der Evaluation der Beihilfeleitlinien in diesem Jahr die aktuelle Marktsituation der Airline-Konsolidierung berücksichtigt. Den betroffenen Flughäfen muss genügend Zeit eingeräumt werden, um die aufgerissenen Lücken im Luftverkehr wieder zu schließen.

* Ralph Beisel ist seit 2007 Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV – Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen. Sein Studium der Betriebswirtschaftslehre und European Business Administration absolvierte er am European Partnership of Business Schools in Reutlingen, Nancy und London. Zuvor war er 13 Jahre lang als Unternehmensberater im Bereich Luftfahrt tätig.



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