Schwüle Hitze liegt schwer über den Hängen des Bergs Maokong. Ein Dutzend älterer Frauen pflückt Tee. Breite Hüte spenden ihnen Schatten. Kaum schafft es die Sonne durch den Dunst, wird es heiß.
Im nahen Unterholz trällern Taiwanbartvögel ihr ausdauerndes Stakkato, die Taiwanesen nennen den kleinen Kerl «Fünffarbenvogel». Sein Ruf ist ebenso extravagant wie sein Federkleid in schmuckem Grün, Gelb und Blau.
Durch die Teegärten des Maokong Mountain
Die Frauen zwischen den Teesträuchern sind konzentriert und flink bei der Arbeit. Am Zeigefinger haben sie mit Klebeband eine halbe Rasierklinge befestigt. Mit den Fingern knipsen sie die jüngsten Triebe der Teesträucher ab, gezupft wird kaum. Das geht schneller und ist präziser. Es verlangt jedoch Übung.
Cold Brew Handpicked Single Origin Peter Pfänder
«Wir nehmen immer nur die letzten drei Triebe und die Knospe», erklärt der Vorarbeiter, der trotz der Hitze schwere Gummistiefel und eine dicke Weste trägt. «Probier mal! Eins, zwei, drei – und ab!», fordert er mich auf, die Kippe lässig im Mundwinkel.
Mittagspause und Camphor-Tea-Trail
Eine Viertelstunde zuvor saß die Runde der Pflückerinnen noch im Gras und machte Mittag. Fotografiert werden wollten die Pflückerinnen allerdings nicht: «Wir sind hässlich, wenn wir essen!», scherzte eine. Die anderen giggelten und aßen weiter.
Einer der vielen Pfade, die sich die Flanken des Maokong-Berges entlangschlängeln, ist der meist eben verlaufende Camphor-Tea-Trail. Er beginnt unweit der Bergstation der Seilbahn Maokong Gondola, die Tagesbesucher aus dem nahen Taipeh hochbringt. Zu sehen sind auf dem Trail Teiche, ein paar alte Holzhäuser, Gemüsegärten und Teeplantagen. Dazwischen immer wieder Bambushaine. Viele der Terrassenfelder sind zur Düngung mit Lupinen bepflanzt. Sie werden im Frühjahr für ein Farbspektakel sorgen. Für Farbtupfer im Herbst sorgen Orchideen und Kosmeen.
Tieguanyin, Baozhong und die Kunst des Aufgießens
Der Maokong Mountain ist bekannt für den dort wachsenden, blumigen Muzha-Tieguanyin-Tee. «Eiserne Göttinnen»-Tee, so eine Bedeutung seines Namens, wird nach sechs bis acht Stunden Fermentierung meist stark geröstet, um die Oxidation zu stoppen. Er verliert dabei aber etwas von seinem markanten, beerig-fruchtigen Grundgeschmack.
Taiwan Maokong Mountain Teegarten Peter Pfänder
Die zweite am Maokong kultivierte Sorte, Baozhong oder Wen Shan Pouchong, ist ein feiner, nur sehr kurz fermentierter Tee mit einer blassgoldenen Farbe von fast süßlichem Geschmack. Dieser großblättrige Tee wird nur mit 80 Grad heißem Wasser aufgegossen.
Kugeln, Aufgüsse und Tee in der Küche
Die Tees am Maokong werden zweimal im Jahr, im Herbst und Frühling, gepflückt, verrät der Vorarbeiter. Die dunkelgrünen Blätter des Tieguanyin werden nach der Ernte zu kleinen Kugeln gerollt und getrocknet. Aufgegossen entfalten sie sich wieder auf vielfaches Volumen. Fünf bis acht Aufgüsse sind möglich, erzählte am Vortag die Verkäuferin im «Jiufen Teahouse»: «Mit 90 Grad heißem Wasser, bitte!» Die Kanne werde in Taiwan immer mit dem ersten Aufguss, den man 20 Sekunden ziehen lässt, gewaschen und vorgewärmt.
Teepflueckerin auf dem Campher-Trail Peter Pfänder
Am Maokong steht alles im Zeichen des Tees, auch das, was die vielen Restaurants und Teehäuser auftragen lassen. Beim Lunch-Stop im «Morning Glory Teahouse Six Seasons» neben der Tea Master Chang Nai-Miao Memorial Hall gibt es Teenudeln, Dumplings mit Tee und mit Tee gebratenen Reis.
Markt in Shila und überraschende Früchte
250 Kilometer südlich vom Maokong liegt das bergige Herz der Insel, dort besuchen wir die Markthalle des Städtchens Shila, das an drei Flüssen liegt. Erstaunlich ist die Vielzahl an Früchten, die ich noch nie gesehen habe. Essbare Steine etwa und Rosenäpfel, die bedauerlicherweise wesentlich langweiliger schmecken, als sie aussehen.
Nantou County ist Heimat der besten Schwarztees, auf Chinesisch sagt man Roter Tee. In Zentraltaiwan wachsen auch erlesene Kaffees, die von Hand gepflückt und in kleinen Mengen geröstet werden. In den Städten des Landes gehen sie für viel Geld über die Tresen. Es handelt sich dabei meist um Arabica-, Liberica- und Robusta-Sorten. Seit kurzem experimentieren die Taiwaner auch mit einer eigenen Züchtung namens Tainung No. 1, die zwar kleinere Blätter, aber größere Bohnen produziert, die besonders nussig im Geschmack sind.
Kaffeeverrückt – und erstaunlich gut
Taiwan ist regelrecht kaffeeverrückt. Rund drei Milliarden US-Dollar werden pro Jahr mit Kaffee umgesetzt, das sind fast 100 Dollar pro Kopf. Daher bekommt man in fast jedem x-beliebigen Coffeeshop besseren Kaffee als zu Hause. Auch Cold Brews gibt es, und das ohne den obligatorischen brummigen Hipster.
Tee Reisbällchen Peter Pfänder
«Die großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sowie die mineralienreichen Böden in Anbauregionen wie Guoxing und Yuchi sorgen für einen intensiven Geschmack und ein wunderbares Aroma», erklärt drei Tage später die Barista des «SanFormosa» in Taipehs Dihua Street. Sie hält mir eine 227-Gramm-Packung entgegen, für 30 Euro. Ich begnüge mich mit einer Tasse frisch aufgebrühtem Kaffee.
Honigschicht, Bergpfeffer und Parfüm aus der Natur
«Viele Kaffeebauern in Nantou setzen auf ein spezielles Verfahren: Schale und Fruchtfleisch der Kaffeekirsche werden entfernt. Diese werden aber ungewaschen in der Sonne getrocknet. So bleibt die klebrig-süße Fruchtschicht erhalten. Diese sogenannte Honigschicht sorgt für eine ganz besondere Geschmacksnuance», so die Barista weiter.
In den oft nebelumflorten Bergen um Xinyi wächst neben Zigtausenden Betelnuss-Palmen an steilen, unzugänglichen Hängen der umwerfend duftende Bergpfeffer. Er ist scharf auf der Zunge, zitronig im Duft und hat einen Hauch von Verbene.
Maqva, Bunun und die Rainbow-Bridge
Maqva nennen die Menschen hier, die fast alle zum indigenen Stamm der Bunun gehören, den Bergpfeffer. Zwei junge Bunun-Frauen zeigen uns später im Homestay «Nakas», wie man aus Extrakten dieses Pfeffers, der gar kein Pfeffer ist, auch wenn er so aussieht, sondern ein Zitrusgewächs (Szechuanpfeffer), zusammen mit Moos-, Farn- und Holz-Extrakten naturbelassene Parfüms mixt.
Rainbowbridge: hart am Abgrund Peter Pfänder
2020 wurde die Rainbow-Hängebrücke eröffnet. Sie führt auf 342 Metern und 100 Meter über dem Abgrund zu den Drachen-Wasserfällen. Wer sie begehen will, stapft erst mal im Schweiße seines Angesichts und Rückens gut 20 Minuten den steilen Berg hinauf.
Betelnuss-Test und Dose statt Bohne
Der Weg zur Hängebrücke führt vorbei an Tausenden Betelnuss-Palmen. Einmal wage ich, nach dem Lunch in Chengcheng, einen Versuch. Wollte wissen, was dran ist an der Nuss. Der Betelnuss-Konsum ist in Taiwan unverändert populär, nicht zuletzt wird ihr von Fans eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt.
Six-Seasons-Teahouse-Buns Peter Pfänder
Versuchsweise stopfe ich mir eine in grüne Blätter gerollte Nuss, die eigentlich eine Beere ist, in den Mund. Und kaue. Kaue. Kaue. Furchtbar. Bitter. Sonst nichts. Unter allen auffälligen Gewächsen Taiwans vom Elefantenohr über Riesen-Bambus und Tiger-Orchideen bis zum Tee ist die Betelnuss die wohl unsympathischste: Ihr Genuss sorgt für hässlich gelbe Zähne, schlechten Atem und Mundhöhlenkrebs. Dann doch lieber einen zu süßen Cold Brew, diesmal ökologisch unkorrekt aus der Dose. Hello, Mr. Brown!
Anreise nach Taiwan
Die Boutique-Airline EVA Air fliegt viermal pro Woche von München nach Taipeh. In der komfortablen Premium Economy Class ab 1.850 Euro, in der Economy ab 780 Euro.
- Schlürfen und Schnäuzen am Tisch sind, anders als in der Volksrepublik, tabu
- Respektvoll auftreten, besonders gegenüber Älteren – immer beide Hände benutzen
- Ruhig, höflich und harmonisch bleiben – keine offene Kritik oder Lautstärke
- Tischregeln beachten – erst essen, wenn der Gastgeber beginnt
- Stäbchen nie senkrecht in den Reis stecken
- Heilige Orte respektvoll behandeln
30 NTD = ca. 1 Euro. Kreditkarte auch bei kleinen Beträgen kein Problem. In den Convenience Stores kann man an ATMs Geld abheben.
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