Die Highlands warten! Von Glasgow aus ist die spektakuläre Natur des von Legenden und Mythen geprägten schottischen Nordens greifbar nahe – wir wollen uns aber Zeit nehmen auf unserem Roadtrip. Auch, weil die Freundschaft mit «Merida» nicht ganz so unkompliziert ist wie gehofft. Der von Besitzer Allan liebevoll umgebaute Campervan ist ein gemütliches Heim auf Rädern – entpuppt sich aber als ungewöhnlich stures Gefährt.
Die gute «Merida» ruckelt und schnaubt bei den ersten Anfahrtsversuchen. So ganz wollen wir nicht warm werden miteinander. Und dann ist da noch dieses Problem mit der falschen Seite. Das Linksfahren in Großbritannien klingt theoretisch simpel, ist praktisch aber gar nicht so einfach. Die ersten Meter auf der Landstraße kurz nach Meridas Zuhause verbringen wir erst mal im Gegenverkehr, bis uns wildes Gehupe von hinten aufschreckt.
Erster Stopp: Loch Lomond
Dass wir es gemeinsam ohne Dellen an die Ufer des Loch Lomond schaffen, ist ein kleines schottisches Wunder, auch wenn der See nur knappe 30 Kilometer von Glasgow entfernt liegt. Das größte Süßwassergewässer auf dem britischen Festland durchquert die Highland Boundary Fault und ist so was wie die inoffizielle Grenze zwischen den Low- und den Highlands.
Eingebettet in eine dunkelgrüne Hügellandschaft schlängelt sich das Gewässer elegant Richtung Norden, verteilt darauf sind über 20 kleine Inseln mit dichter Waldvegetation. Bei schönem Wetter legen in Inveruglas direkt am Loch oder in den winzigen Ortschaften wie Tarbet oder Luss Boote für eine gemütliche Fahrt über den See ab.
Auf die Reisezeit achten, um Midges-Schwärme zu vermeiden
Luss wirkt wie ein in Stein gehauenes Postkartenmotiv. Kein Wunder also, dass die unter Naturschutz stehende Gemeinde mit Sandstränden, Bergblick und den niedlichen Cottages an der Pier Road ein enorm beliebtes Ausflugsziel ist, vor allem in den Sommermonaten.
Luss: in Stein gehauenes Postkartenmotiv FGM
Generell sollte man, wenn möglich, für einen Schottland-Trip lieber die Nebensaison anpeilen – nicht nur wegen Touri-Massen, sondern auch wegen der Midges, den fiesen schwarzen Mücken. In riesigen Schwärmen auftretend, können sie einem mit ihrer Stechfreude von Mai bis September in Schottland die Laune verderben.
Auf engen Straßen durch den Trossachs National Park
Iain, der nette Kellner im «Loch Lomond Arms», hat so manche Midges-Geschichte auf Lager und freut sich, dass momentan keine Mückenplage herrscht. Er empfiehlt das hauseigene Haggis Scots Egg zum Lunch, einen Snack im «Cù Mara Bistro» und das gemütliche «The Coach House Coffee Shop» für einen Kaffee-Stopp.
Dabei wäre ein Whisky ehrlich gesagt besser für die Nerven: Der oft enge Straßenverlauf durch den Trossachs National Park ist mit Merida eine abenteuerliche Angelegenheit.
Wikinger, Wege und wuchtige Landschaften
Das Gebiet ist geschichtsträchtig: 1263 segelten Wikinger den Loch Long hinauf, zogen ihre Langschiffe durch Arrochar zum Loch Lomond und überfielen ganz nebenbei die ungeschützten Siedlungen am Ufer, bevor sie in der Schlacht von Largs besiegt wurden.
Merida als Hotel auf vier Rädern
Die Landschaft vor der Frontscheibe wird wuchtiger, rauer und atmosphärischer – genau so, wie ich mir die schottischen Highlands vorgestellt hatte. Dankenswerterweise nimmt der LKW-Verkehr im Gegenzug stetig ab, was die Anspannung am Steuer etwas entschärft. Fast euphorisch über unsere langsame Eingewöhnung mit Merida kommen wir auf dem Parkplatz des Three Sisters Viewpoint an.
Im Innern vom Van, ein Hotel auf vier Rädern oksanaphoto
Dass Merida ein Hotel auf vier Rädern ist, merken wir erst jetzt richtig: Der Holztisch lässt sich abends zum Bett umbauen, die langen Sofakissen werden zur King-Size-Matratze. Es gibt Licht, einen Kühlschrank, Steckdosen, Kaffeekocher, einen Herd und sogar einen Holzofen mit Mini-Schornstein.
Kaffee mit Ausblick auf die Three Sisters
Nach einer entspannten Nacht beginnt der nächste Morgen mit frischem Kaffee und einem Ahhh-Moment beim Öffnen der hinteren Türen: Die Sonne geht gerade auf und taucht die Gipfel der Three Sisters in ein warmes Schimmern, durch das zerfurchte Tal unter uns ziehen feine Nebelschwaden.
Blick aus dem Van auf die Three Sisters Manuela Imre
Die Magie des Moments passt zum ersten Stopp: dem Glenfinnan Viaduct. Harry-Potter-Fans kennen die 380 Meter lange Konstruktion als jene Brücke, über die der Hogwarts-Express zu Beginn des Schuljahres fährt. In der Realität rattert zweimal täglich ein Dampfzug über die hohen Schienen: der «Jacobite».
Harry-Potter-Magie am Glenfinnan Viaduct
Von April bis Ende Oktober kann man eine Fahrt von Fort William nach Mallaig buchen – vorher den Fahrplan von West Coast Railways checken.
Harry-Potter-Magie am Glenfinnan Viaduct Manuela Imre
Für Fotos am besten mit etwas Vorlauf für die Einfahrt des Dampfzugs um 10.45 und um 13.15 Uhr zum Viadukt kommen. Der Aussichtspunkt ist 15 Gehminuten vom Parkplatz entfernt und ist immer voll. Je früher man sich einen Spot sichert, desto besser.
Ben Nevis: Großbritanniens höchster Berg
Das nahe gelegene Fort William in der Region Lochaber ist ein Outdoor-Paradies mit Stränden, Wasserfällen, Wäldern und einem packenden Bergpanorama – darunter dem höchsten Berg Großbritanniens, Ben Nevis (1345 Meter).
Der 16 Kilometer lange Rundweg ist eine Mischung aus steilen Anstiegen, grasbewachsenen Pfaden und felsigem Terrain, bei dem man sich auf überraschende Schauer einstellen muss. Da der Trip gut acht Stunden dauert, am besten vorab eine Reservierung im Glen Nevis Caravan & Camping Park machen.
Tragisch und packend: Schottlands Legenden
Die Natur ist spektakulär: Die Highlands sind voll von Bens (Bergen), Glens (Tälern), Lochs (Seen) und aufregenden Geschichten über Wikinger, Könige, Clans und Heldentaten. So wurden die Träume von Bonnie Prince Charlie zunächst entflammt, als er 1745 im Hafenstädtchen Mallaig ankam – und an gleicher Stelle ausgelöscht.
Nach der katastrophalen Schlacht von Culloden versteckte sich der Stuart-Spross in einer Höhle und flüchtete durch Flora MacDonalds Hilfe als Frau verkleidet in einem kleinen Ruderboot nach Skye. Anschließend machte er sich auf den Weg ins Exil nach Frankreich. Heute setzt eine Fähre von Mallaig nach Skye über.
Loch Ness, Inverness und gute Adressen
Wir tuckern stattdessen auf den Spuren der Jakobiter gen Inverness, wo die britischen Regierungstruppen mit der legendären Culloden-Schlacht 1746 dem Aufstand ein Ende setzten. Vorbei geht es auf dem Weg nach Norden am 37 Kilometer langen Loch Ness. Auch wenn sich kein Ungeheuer aus den je nach Licht fast schwarz wirkenden Wassermassen erhebt – die Region ist spektakulär.
Stellplatz mit Aussicht auf Loch Ness Manuela Imre
Inverness wartete nicht nur mit viel Geschichte, sondern auch mit feinen Restaurants und coolen Bars: «Rocpool» ist eine der Top-Adressen für Seafood, «Fig & Thistle» ein gemütlicher Spot mit gehobenem Bistro-Food und «The Malt Room» ein Schlaraffenland für Whisky-Fans. Versteckt in einer Seitengasse finden sich in der winzigen Speakeasy-Bar über 400 Single-Malt-Tropfen sowie lokale Craft-Biere und Cocktails.
Outlander-Spuren und Culloden als Must-see
Am nächsten Tag früh die Highlights wie Fort George oder Inverness Castle anpeilen. «Outlander»-Fans sollten die Steinmonolithen von Clava Cairns ein paar Minuten außerhalb der Stadt besuchen – sie gelten als Inspiration für Craigh Na Dun, dem Serienportal zur Vergangenheit.
Schlachtfeld von Culloden
Ob Clan-Fraser-Anhänger oder nicht: Culloden ist ein Must-see-Stopp. Hier endete nicht nur der letzte Aufstand der Stuarts um die Krone, sondern auch eine ganze Ära der schottischen Kultur. Mit der Niederlage verschwanden die alten Clanstrukturen, und das Land wurde endgültig in das von England dominierte Großbritannien eingegliedert.
Das neue Besucherzentrum katapultiert mit einem 360-Grad-Immersion-Theater mitten ins Geschehen. Von den etwa 5000 schottischen Soldaten, die auf Seiten der Jakobiten kämpften, wurden 1000 getötet, gut 800 gerieten in Gefangenschaft. Auf englischer Seite gab es 200 Verwundete und 50 Tote.
Whisky Trail und royaler Zwischenstopp
Nach so viel Geschichte bietet der Whisky Trail die perfekte Abwechslung. Dufftown Campsite & Parkmore Holiday Cottages ist dabei eine gute Basis, von der Brennereien wie Balvenie oder Glenfiddich ein Katzensprung sind.
Gourmet-Häppchen mit Whisky-Tasting Manuela Imre
Bei der Glenfiddich-Tour erfährt man so ziemlich alles über die Tradition der Brennerei, die bis ins Jahr 1886 zurückgeht. Damals legte William Grant den Grundstein für den generationsübergreifenden Erfolg, der mit ein paar Fässern begann – heute erhält der Whisky in 45 Lagerhäusern seine Reife. Auch der «Afternoon Tea» steht hier ganz im Zeichen des edlen Alkohols: Zu den hausgemachten Gourmet-Häppchen wird ein Whisky-Tasting angeboten.
Majestätisch: Balmoral
Auf der letzten Etappe zurück nach Glasgow liegt noch ein royaler Zwischenstopp auf dem Weg: Balmoral. Zwar kann man das Anwesen nur von außen besichtigen, die Anlage lohnt sich aber mit ihren weiten Gärten, Wäldern und Wiesen.
Königin Elisabeth II. liebte das Anwesen Balmoral Manuela Imre
Prinz Albert, Ehemann von Königin Victoria, kaufte das Anwesen 1852 und ließ anstelle des ursprünglichen Schlosses ein größeres Anwesen bauen. Die königliche Familie verbringt bis heute ihre Ferien im Norden Schottlands. Das bedeutet auch, dass die Gärten von Balmoral Castle nur bis zum 31. Juli von der Öffentlichkeit besichtigt werden können. Königin Elisabeth II. liebte das Anwesen und die Ruhe: Die Queen verstarb hier am 8. September 2022.
Schottlands wilde Tierwelt im Cairngorms National Park
Die letzte Nacht verbringen wir im Cairngorms National Park – mit 3800 km² Großbritanniens größter Nationalpark. Mit sanften Hügeln, tiefschwarz schimmernden Seen, Hochmooren und dem wellenförmigen Gebirgszug der Cairngorms ist die Natur hier sanfter und geradezu märchenhaft.
Unser Platz für die Nacht – ein guter Leitfaden für Stellplätze findet sich auf der Parkwebsite – liegt an einem Flussbett und scheint ein Lieblingsspot der wilden Tierwelt Schottlands zu sein. Während der letzten Happy Hour schauen abwechselnd Rehe, Otter und über uns sogar ein Adler vorbei.
Schottland – Kurz & gut zu wissen
Schottland ist eines der wenigen Länder Europas, in denen Wildcampen grundsätzlich erlaubt ist – dank des «Scottish Outdoor Access Code». Wichtig: respektvoll verhalten, keinen Müll hinterlassen, Abstand zu Wohnhäusern halten. In beliebten Regionen wie Loch Lomond gelten in der Hauptsaison teils Einschränkungen und Genehmigungspflichten.
Single-Track-Roads verstehen
Viele Highland-Straßen sind extrem schmal. Die Ausweichstellen («Passing Places») dienen nicht zum Parken, sondern zum gegenseitigen Ausweichen. Wer sie richtig nutzt, fährt entspannter – und gewinnt Sympathien bei den Locals.
Midgies: klein, aber ernst zu nehmen
Die berüchtigten Midges sind von Mai bis September aktiv, besonders bei Windstille und Feuchtigkeit. Tipp: Reisezeit Frühling oder Herbst wählen, windige Stellplätze bevorzugen und Repellent mitnehmen.
Whisky-Destillerien rechtzeitig buchen
Spontanbesuche sind immer schwieriger. Viele Brennereien – besonders entlang des Speyside Whisky Trails – verlangen Vorab-Reservierungen für Touren und Tastings, teils Wochen im Voraus.
Campervan statt Hotelboom
Schottland setzt zunehmend auf sanften Tourismus. Neue Stellplätze, Apps zur Besucherlenkung und Investitionen in Infrastruktur sollen helfen, die Highlands trotz steigender Besucherzahlen ursprünglich zu halten.
Harry-Potter-Effekt bleibt stark
Das Glenfinnan Viaduct gehört weiterhin zu den meistbesuchten Spots des Landes. Wer Fotos ohne Menschenmengen möchte, sollte sehr früh morgens oder außerhalb der Dampfzug-Zeiten kommen.
Tierbeobachtung mit Glücksfaktor
Rehe, Rothirsche, Seeadler, Otter und sogar Delfine lassen sich mit etwas Geduld sehen – besonders in den Cairngorms, an der Westküste und entlang ruhiger Flussläufe. Fernglas lohnt sich!
Wetter: alles an einem Tag möglich
Sonnenschein, Regen, Wind – oft innerhalb einer Stunde. Zwiebellook, Regenjacke und Gelassenheit gehören zur Highland-Grundausstattung.
Reisen außerhalb der Hauptsaison lohnt sich
April, Mai sowie September und Oktober bieten weniger Verkehr, bessere Stellplatz-Chancen, klare Lichtstimmungen – und oft die schönste Atmosphäre für Roadtrips.
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