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Clay Sun, Eva Air

«Boeing versucht sehr aggressiv, die 777-8 F zu verkaufen»

Eva Airs Vorstandsvorsitzender Clay Sun spricht im Interview über den Ersatz von Airbus A321 und A330, die Spannungen zwischen Taiwan und China, die Star Alliance und die Boeing 777X.

aeroTELEGRAPH/Eva Air

Clay Sun: «Eva Air hat noch elf Dreamliner im Auftragsbuch.»

Wie wirkt sich die derzeitige politische Situation mit den verstärkten Spannungen zwischen Taiwan und China auf Eva Air aus?
Clay Sun: Wir sind eine private Fluggesellschaft. Die Situation wird von der Regierung gehandhabt. Aus geschäftlicher Sicht sehen wir keine Auswirkungen auf unseren Betrieb.

Aber vor der Pandemie sind Sie zu mehr als 25 Zielen in Festlandchina geflogen. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie in Zukunft nicht mehr dorthin fliegen können?
Nein, ich glaube nicht, dass es ein Risiko gibt. Wir sind derzeit ohnehin auf vier Ziele in China beschränkt – darunter Peking und Shanghai.

Neben Amsterdam, London, Paris und Wien haben Sie kürzlich auch Flüge nach München und Mailand aufgenommen. Sind Sie jetzt mit Ihrem Netz in Europa zufrieden? Oder planen Sie, in Zukunft weitere europäische Städte anzufliegen?
Wir haben die Lücken in unserem Netz in Europa geschlossen. Dennoch suchen wir bei Eva Air immer noch nach weiteren Möglichkeiten. Wir führen interne Evaluierungen durch, haben aber noch keine Entscheidung getroffen, so dass wir in naher Zukunft keine Ankündigung machen werden.

Langfristig sehen wir noch Raum für Wachstum in Nordamerika.

Sie haben vor der Pandemie massiv in den USA expandiert. Sehen Sie dort noch Wachstumschancen?
Das Wichtigste für uns ist, das Niveau von vor der Pandemie wieder zu erreichen. Wir hatten mehr als 80 Flüge pro Woche von Taiwan nach Nordamerika und waren Marktführer. Jetzt haben wir nur noch etwa 50. Wir versuchen also, unsere Frequenzen nach Nordamerika Schritt für Schritt zu erhöhen. Taiwan hat sich erst kürzlich wieder für den Reiseverkehr geöffnet. Langfristig sehen wir noch Raum für Wachstum in Nordamerika.

Was ist mit dem Persischen Golf oder Indien? Dorthin fliegen Sie noch nicht.
Wir haben das vor ein paar Jahren versucht und es ist nicht sehr gut gelaufen. Deshalb ist das für uns im Moment kein Thema.

Abgesehen von Tigerair gibt es in Taiwan keine Billigairline, allerdings operieren einige ausländische Billigflieger im Land. Denkt Eva Air darüber nach, eine eigene Billigfluggesellschaft zu gründen, um zusätzliche Marktanteile zu gewinnen?
Wir haben nicht die Absicht, eine Billigfluggesellschaft zu gründen. Unser Stil ist anders, wir differenzieren uns durch exzellenten Service und höchste Sicherheitsstandards. Darauf konzentrieren wir uns bei Eva Air auch weiterhin. Und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir eine weitere Billigfluggesellschaft in Taiwan brauchen.


Boeing 787 von Eva Air. Bild: aeroTELEGRAPH

Wie wichtig ist die Mitgliedschaft in der Star Alliance für Eva Air?
Sie gibt Eva Air das Privileg, Kunden aus allen Ecken der Welt zu bedienen und unseren Fluggästen den nahtlosen Service und die Statusanerkennung der Allianz zu bieten. Als Mitglied der Star Alliance haben wir die Möglichkeit, den Reisenden über unser Drehkreuz in Taipeh Anschlussflüge zu Zielen in ganz Asien anzubieten.

Sie haben eine recht junge Flotte mit einem Durchschnittsalter von unter acht Jahren. Es gibt nur eine Ausnahme: Sie betreiben drei Airbus A330-200, die 17 Jahre alt sind und Flüge nach Japan durchführen. Wann werden Sie diese ersetzen?
Die drei Airbus A330-200 werden im Jahr 2024 schrittweise ausgemustert und durch neue Boeing 787-10 ersetzt.

Welche Flugzeuge werden Sie dann als nächstes ersetzen?
Unsere 24 Airbus A321 sind alle geleast. Wenn diese Verträge auslaufen, werden wir sie nach und nach an den Leasinggeber zurückgeben. Das erste Flugzeug wird die Flotte schon bald verlassen.

Wir befinden uns in einem ganz anderen Stadium als die Newcomer.

Und was haben Sie als Ersatz für die Airbus A321 im Auge?
Wir haben nur zwei Möglichkeiten – den Airbus A321 Neo oder die Boeing 737 Max. Wir werden uns für eine der beiden entscheiden.

Sind Sie mit Ihrer derzeitigen Langstreckenflotte, die aus insgesamt 64 Airbus A330, Boeing 787 und Boeing 777 besteht, zufrieden?
Eva Air hat noch elf Dreamliner im Auftragsbuch, die sich aus sieben Boeing 787-10 und vier 787-9 zusammensetzen. Diese werden in den Jahren 2023 und 2024 ausgeliefert, um die A330 zu ersetzen und das Langstreckennetz in die Vereinigten Staaten und nach Europa zu erweitern.

Eva Air wurde von einer Reederei, Evergreen, gegründet. Derzeit gründen viele Schiffahrtskonzerne ihre eigene Frachtfluggesellschaft oder kaufen eine solche auf. Verlieren Sie Ihr Alleinstellungsmerkmal?
Wir befinden uns in einem ganz anderen Stadium als die Newcomer. Für Reedereien ist es derzeit einfach, eine Fluggesellschaft zu gründen, weil sie viel Geld haben. Aber es reicht nicht aus, nur Flugzeuge zu haben. Die Herausforderung besteht darin, die Fluggesellschaft zu betreiben. Und der Betrieb einer Reederei und der Betrieb einer Fluggesellschaft sind zwei völlig unterschiedliche Aufgaben. Bei der Luftfracht sind im Gegensatz zur Seefracht die Verkehrsrechte das größte Hindernis. Und die sind nicht leicht zu bekommen. Wir haben sie.

Wir werden bis 2025 drei unserer Boeing 777 in Frachtflugzeuge umbauen.

Wie wollen Sie im Frachtgeschäft wachsen?
Wir haben derzeit acht Boeing 777 F. Und wir werden bis Ende nächsten Jahres eine weitere Maschine übernehmen. Außerdem werden wir bis 2025 drei unserer Boeing 777 bei Israel Aerospace Industries in Frachtflugzeuge umbauen. Insgesamt werden es also zwölf reine Frachtflugzeuge sein. Hinzu kommt die beträchtliche Frachtkapazität der Passagierflugzeuge, was für die Unterstützung des Eva-Frachtnetzes im nächsten Jahrzehnt ausreichen wird. Wir sind also gut aufgestellt.

Haben Sie kein Interesse an der Frachtversion der Boeing 777X?
Boeing versucht sehr aggressiv, die 777-8 F zu verkaufen, aber wir wollen uns noch die Leistungszahlen anschauen. Wir wollen erst einmal sehen, wie sich das Flugzeug verhält, wenn es in Betrieb ist. Unsere derzeitige Frachtflotte ist noch relativ jung. Wir haben also noch Zeit, Frachtflugzeuge der nächsten Generation zu prüfen.

*Clay Sun (58) ist Vorstandsvorsitzender von Eva Air. Er begann seine Karriere 1986 bei der Reederei der Evergreen Group, wo er für die Geschäfts- und Unternehmensplanung mitverantwortlich war. 1991 wechselte er zur neu gegründeten Fluggesellschaft der Gruppe. Er arbeitete in den Bereichen Personal, Planung, Frachtmanagement und Passagiermanagement. Später war er für Eva Air in den USA, Europa und Festlandchina tätig. 2018 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden ernannt.