«Viele Dinge, die ich auf meinen Reisen gemacht habe, habe ich meinen Eltern nie erzählt», sagt Heike Birlenbach. Denn wenn die Kommerzchefin von Swiss Urlaub macht, dann wählt sie oftmals keine klassischen Ferienziele, sondern Länder wie Nicaragua, Guatemala, Mali, Ruanda oder Usbekistan. «Ich will das Land wirklich fühlen», erklärt sie. Und so wählt sie auch ihre Routen. Und dabei erlebe man manchmal auch unerwartete Situationen. schwierige, mitunter sogar gefährliche Momente.
Diesen Drang, ferne Länder zu entdecken, gaben ihr nicht ihre Eltern mit auf den Weg. «Wir haben als Familie meist nur Wanderurlaube in der Heimat gemacht», so Birlenbach. Das Meer habe sie im Alter von 16 Jahren das erste Mal gesehen, erzählt sie weiter. Damals machte sie mit einer Freundin eine Radtour von ihrem Heimatort an der Mosel bis nach Bordeaux. Auch sonst hatte sie einen starken Drang, die Welt kennenzulernen. «Ich habe als Jugendliche selbst kleine Reiseführer geschrieben - basierend auf allem, was ich gelesen habe. Ich habe daraus beispielsweise eine Rundreise in Ägypten kreiert, ohne dass ich jemals da war», so die Managerin.
Zuerst Au-pair in Kanada, dann Reiseleiterin
Es war daher am Ende logisch, dass sie später in einer Branche landete, die vom Reisen lebt. Ihr Hunger zur Entdeckung der Welt war nach der Radtour definitiv nicht gestillt. Direkt nach dem Abitur ging sie für ein Jahr als Au-pair nach Kanada. «Ich hatte mich heimlich beworben», weil ich wusste, die Eltern würden das wahrscheinlich nicht so gut finden» so Birlenbach. «Also habe ich gedacht, ich schaffe lieber Fakten.» Ein Jahr verbrachte die junge Birlenbach in Montreal. «Da hat sich für mich eine neue Welt eröffnet.»
Als sie 1987 aus Kanada zurückkam, ging es zunächst auf eine Schule für Tourismus nach München, um im Anschluss zwei Jahre lang als Reiseleiterin im Süden zu arbeiten. «Mein erster Einsatz startete auf Kreta, dann ging es auf die Kanaren, es folgte Tunesien», so die Swiss-Kommerzchefin. Die Aufgabe habe ihr sehr gefallen. Doch nach einer Weile habe sie gedacht, sie müsse langsam mal was Richtiges tun.
Heike Birlenbach bewarb sich blind bei Lufthansa
Und so bewarb sie sich blind bei Lufthansa. «Faktisch habe ich gesagt: Ich bin gerade noch in Tunesien, komme aber zurück nach Deutschland, könnt ihr mich gebrauchen?» Und sie wurde im Bereich Check-in eingestellt. Neben der Arbeit absolvierte sie ein Studium in Tourismusmanagement. Aber sie reiste weiter, so oft sie konnte. «Wir haben die ganze Welt bereist und sind dann zum Schichtstart morgens früh zurückgekommen, hatten die Uniform irgendwo deponiert», erinnert sich Birlenbach.
Sie sei sehr stolz darauf gewesen, bei der Fluggesellschaft arbeiten zu können. Die Uniform zu tragen, sei ein besonderes Gefühl gewesen. «Nach dem Studienabschluss startete sie im Account Management. «Verkauf ist schon eines meiner Steckenpferde», sagt sie. Damals habe man erst begonnen, Firmenkunden global zu betreuen. Sie arbeitete mit großen Namen wie Siemens oder Daimler Chrysler.
Eine erste Managementposition - in London
Ihren Vorgesetzten blieb ihr Talent nicht verborgen. Und so startete sie 1999 in London in ihrer ersten Managementposition . Der Job war damals in London angesiedelt. «Das passte mir. Ich wollte wieder ins Ausland», so die 59-Jährige. Dass man die Funktion in Großbritannien ansiedelte, kam nicht von ungefähr. «Die Idee damals war, die europäischen Länder nicht aus der Zentrale heraus zu managen, um einen etwas anderen Blick auf die Märkte zu gewinnen.»
Für Birlenbach war damals und auch später ganz wichtig: «Wenn ich in London arbeite, dann lebe ich in London». Und so ist sie mit allem, was sie hatte, umgezogen. Es folgten weitere Stationen als General Managerin in Amsterdam, zuständig für alle Beneluxstaaten. «Länderverantwortliche für das ganze Unternehmen zu sein, war eine interessante Aufgabe, da man nicht nur den Vertrieb leitete, sondern gegenüber Politik, Öffentlichkeit und anderen Airlines Rede und Antwort stehen muss. Man lernt dabei sehr viel und ich habe das genossen.
Die stärkste Waffe als Frau: Perfekt vorbereitet sein
Doch wie war das damals, Anfang der Nullerjahre, als Frau in einem von Männern dominierten Konzern zu arbeiten? Diskrimination habe sie nicht erlebt, sagt Birlenbach. «Aber ich war in vielen Managementrunden die einzige Frau. Immer. Ich war auch die erste General Managerin in Europa, die erste Frau. «Mir war bewusst, dass ich da schauen muss, wie ich mich verhalte. Zugleich musste ich mir selbst treu bleiben», sagt sie.
Heike Birlenbach: «Ich habe es geliebt, im Markt draußen zu sein, bei den Kunden nah am Puls zu sein.» Swiss
Ihre stärkste Waffe war es damals, immer sehr gut vorbereitet zu sein. «Ich hatte meine Argumente parat. So habe ich mir Respekt verschafft.» Sie habe aber vielleicht auch Glück gehabt, auf die richtigen Leute getroffen zu sein. «Natürlich gab es immer mal Witze, die man heute so vielleicht nicht mehr erzählen würde», so Birlenbach. Und es ging Schritt für Schritt weiter. Parallel zu ihrer Arbeit absolvierte sie noch ein Masters Studium an der McGill Universität in Montreal, der Stadt, die sie von ihrer Zeit als Au-Pair kannte.
Lufthansa Italia: Ein Flop in Italien
Nicht alles ist ihr während ihrer beruflichen Laufbahn gelungen. 2008 kam im Konzern die Idee auf, in Italien zu wachsen. Das Resultat war Lufthansa Italia - eine Airline, die mit den aufkommenden Billigairlines mithalten kann, aber Premium sein sollte und auch Italienisch rüberkommt. Sie habe damals sehr viel gelernt. Aber mit ihren sechs Airbus A319 kam die neue italienische Tochter nicht gegen Wettbewerber an, die da bereits sehr viel mehr Kapazität auf gleichen Strecken einsetzte. «Wir hätten sehr viel investieren müssen.» Und so war nach zwei Jahren wieder Schluss.
Es folgten Stationen als Chefin Kabine in München, Vertriebsleitung von Lufthansa für Europain Frankfurt, etwas später dann in der gleichen Funktion für die ganze Gruppe, Erweiterung durch Nahost und Afrika, dann der Aufstieg zur Kommerzchefin von Lufthansa, Chefin des Bereich Kundenerlebnis der ganzen Gruppe. 2024 wechselte sie als Kommerzchefin zu Swiss. «Das war für mich noch mal eine schöne Gelegenheit, den Fokus auf eine einzelne Airline zu legen, anstatt auf die ganze Gruppe», sagt sie. «Das war ein Geschenk, dann bei Swiss an den Start gehen zu dürfen.»
«Anforderungen der Gäste heute sehr viel differenzierter»
In ihren 36 Jahren bei der Lufthansa Group hat sich vieles verändert. «Die Dynamik ist heute eine ganz andere», sagt Birlenbach. «Die Welt dreht sich schneller und man kann nie sagen, dass man fertig ist und in Luftfahrtsprache gesprochen auf Reiseflughöhe geradeaus unterwegs ist. Es gilt permanent zu adjustieren und an neue Gegebenheiten anzupassen.» Neben allen globalen geopolitischen Themen hätten unter anderem auch die schnell fortschreitende Digitalisierung beigetragen.
Aber auch die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden hätten sich verändert. «Früher haben wir nach Klassen und Reisegründen segmentiert, sagt Birlenbach. «Heute sind die Anforderungen der Gäste sehr viel differenzierter, was nicht nur kulturell oder demographisch einzuordnen ist. Wir möchten dem auch gerecht werden, ohne uns zu verzetteln.»
Dünne Linie zwischen eigenständigen Marken und Synergien
Was sich ebenfalls verändert hat, ist die Unternehmensgröße «Lufthansa bestand zunächst aus einer Airline im Kern und diversen Gesellschaften. Die Grundidee war, Volatilitäten einzelner Geschäftsbereiche ausgleichen zu können und damit insgesamt zu stabilisieren.» Später habe man den Fokus auf den fliegerischen Aspekt geschärft, und das Portfolio um weitere Fluggesellschaften signifikant erweitert. Ebenso wurden die Joint Ventures mit relevanten Spielern auf anderen Kontinenten kontinuierlich ausgebaut.
«Größe zählt in unserer Branche», sinniert Birlenbach. Bei der Lufthansa Group will man einerseits gemeinsam stark auftreten, gleichzeitig sollten die einzelnen Marken ihre wertvollen Identitäten erhalten. Die Linie zwischen eigenständigen Marken und Synergien durch Zentralisierung sei aber dünn, gibt sie zu. «Ich glaube, das wird auch eine Fragestellung sein, mit der man sich permanent auseinandersetzen wird.»
Letzter Arbeitstag in der Luft
Gab es je eine Zeit, wo sie sich überlegte, Lufthansa Group zu verlassen? «Durchaus kam diese Überlegung ab und zu mal auf, aber nicht, um zu einem Wettbewerber zu wechseln, sondern um mal in eine andere Branche reinzuschauen. Jedoch ergaben sich dann immer wunderbare Möglichkeiten, die ich nicht an mir vorbeiziehen lassen konnte», erzählt Birlenbach. «Ich habe es geliebt, im Markt draußen zu sein, bei den Kunden nah am Puls zu sein, mit den Mitarbeitenden zu sprechen, die in allen Ecken des Erdballs sitzen», so die Managerin.
Und nun startet Birlenbach nach 36 Jahren bei Lufthansa Group ein neues Kapitel Ihren letzten Arbeitstag wird sie jedoch nicht im Büro verbringen. «Ich werde als zusätzliche Flugbegleiterin auf einem Flug von Zürich nach Chicago in der Kabine mitarbeiten», sagt sie. «Ich werde aber auch danach garantiert sehr aktiv bleiben, das weiß ich jetzt schon. Und die Verbindungen zur Branche, werde ich weiter pflegen, auch wenn es nicht mehr meine Hauptbeschäftigung sein wird», so Birlenbach.
Und auch viel mehr rudern auf dem Zürichsee
Und noch etwas wird sie vermehrt tun: An ihrem Wohnort ans Ufer des Zürichsees fahren und dort ins Ruderboot steigen und übers Wasser gleiten. Ausschlafen? «Das kenne ich gar nicht Ich stehe morgens immer sehr früh auf und das wird auch weiterhin so sein.»