Letzte Aktualisierung: 19:18 Uhr

Im Airbus A321 über den Atlantik

Neun Stunden in der schmalen Röhre

Immer mehr Airlines fliegen mit Kurz- und Mittelstreckenfliegern über den Atlantik. Wie ist es, fast neun Stunden in einem Airbus A321 unterwegs zu sein? Wir haben es getestet.

Alle Bilder: Simeon Lüthi/aeroTELEGRAPH

Blick aus dem Fenster: Wasser, nichts als Wasser.

Der Passagier tritt ins Flugzeug und zeigt seine Bordkarte vor. Der nette Flugbegleiter am Eingang sagt ihm nach einem prüfenden Blick, ob er dem linken oder dem rechten Gang folgen soll, um zu seinem Sitzplatz zu gelangen. So beginnt ein Langstreckenflug heute.

Immer öfter läuft es aber anders ab. Denn Fluggesellschaften fliegen zunehmend mit Schmalrumpfflugzeugen auch weite Strecken, also mit Fliegern, die nur einen Gang haben. Obwohl ihre Vorläufer einst für Kurz- und Mittelstrecken konzipiert wurden, können Flugzeuge wie der Airbus A321 Neo oder die Boeing 737-9 den Nordatlantik locker überqueren.

Die Angst vor der Sardinenbüchse

Für viele ist eine solche Reise jedoch undenkbar. «Ich setz mich doch nicht so lange in eine Sardinenbüchse», ist eine häufige Reaktion. Ist die Erfahrung wirklich so schlimm? Wir wollten es genauer wissen.

aeroTELEGRAPH hat Ende September zwei Reporter auf einen Flug von Europa nach Nordamerika im Schmalrumpfflugzeug geschickt. Das Team reise in einem Airbus A321 Neo von Paris nach Toronto. Von Gate zu Gate saß es 9:13 Stunden in der engen Röhre.

Weniger Leute, schnelleres Boarding

Wir stehen am späten Nachmittag im Terminal 3 des Aéroport de Paris-Charles-de-Gaulle in der Schlange. Unser Flug wurde eben ausgerufen. Ein Bus bringt uns nach der Kontrolle der Bordkarten zum Airbus A321 Neo von Primera Air, der Fluggesellschaft, die wenige Tage später den Betrieb einstellen wird. Was da bereits auffällt: Normalerweise bei Langstreckenflügen steht man mit Hunderten von Menschen zusammengepfercht im Bus, hier sind es Dutzende. Man hat Platz. Normalerweise dauert das Einsteigen gefühlt eine Ewigkeit. Hier ist es schnell erledigt. Das ist ziemlich angenehm.

Erstaunlich viel Platz

Wir setzen uns auf einen Fensterplatz und einen Mittelsitz in der Economy Class. Was uns dabei sofort auffällt: Die Beinfreiheit ist trotz eines Sitzabstandes von nur gerade 30 Zoll oder 76 Zentimeter groß. Das liegt an den ultradünnen Sitzen, die den Knien mehr Raum lassen. Bei mancher gestandener Fluggesellschaft fühlt man sich im größeren Flugzeug deutlich beengter. Auch die Breite der Sitze ist absolut okay. Ein Gefühl von Sardinenbüchse kommt also keines auf.

Noch ist uns nicht wirklich bewusst, dass wir nun mehr als neun Stunden in dieser engen Röhre verbringen werden. Wir fühlen uns vielmehr wie auf einem x-beliebigen Europaflug. Das ändert sich jedoch, als der Pilot die reine Flugzeit von Paris nach Toronto mit rund 8.40 Stunden angibt. Als wir die Westküste von Irland überfliegen ist dem letzten endgültig klar – das ist ein Langstreckenflug. Die kommenden fast fünf Stunden wird sich nur noch der Atlantik unter uns befinden.

Kein Essen, keine Unterhaltung

Die Maschine steuert von der Dingle-Halbinsel Richtung Gander in Neufundland. Die Sonne geht langsam unter. Jetzt wäre die Zeit, wo man normalerweise ein Menü serviert bekommt und sich so die Zeit vertreiben kann. Bei einer Billigairline kommen Essen und Getränke aber nicht automatisch – man muss sie vorbestellen oder man kauft sie wie bei Easyjet, Ryanair und Co. in Europa an Bord. Einen großen Hunger haben wir aber nicht, da wir am Flughafen noch kurz einen Happen gegessen haben. Wir ordern ein Fläschchen Weißwein und Chips. Nicht gesund, aber lecker.

Auch ein Unterhaltungsprogramm gibt es an Bord nicht. Wifi sucht man ebenfalls vergebens. Hier ist alles durch und durch Lowcost. Sogar ein Bordmagazin gibt es nicht. Der Passagier muss selbst vorsorgen. Wir lesen deshalb ein wenig im mitgebrachten Buch, reden dann miteinander und schauen auch immer wieder zum Fenster hinaus. Dort spielt sich gerade das beste Unterhaltungsprogramm ab – ein traumhafter Sonnenuntergang. Was einigen vielleicht auch fehlt: groß durch die Gänge schlendern wie bei klassischen Langstreckenflügen kann man im A321 Neo nicht. Dazu ist er ganz einfach zu kurz.

Wiederholte Warnung vor Turbulenzen

Wir versuchen nun zu schlafen. Das gelingt erstaunlich gut – zumindest ebenso gut wie in jeder anderen Economy-Kabine. Mehrmals in dieser Nacht wird uns allerdings die Durchsage wecken, dass man sich wegen Turbulenzen anschnallen soll. Die Vorsicht der Crew gefällt uns, immerhin werden leichtere Flieger auch etwas mehr durchgeschüttelt als die großen Vögel. Die Gegenwinde sind an diesem Tag sehr stark, mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde blasen sie uns entgegen. Am Ende rüttelt es zum Glück jedoch nur ein wenig.

Inzwischen sind wir wieder wach, es kommt Leben in die Kabine. Die Crew bereitet die Maschine auf die Landung vor. Wir sehen Lichter unter uns. Montreal zieht vorbei und schließlich erblicken wir Toronto. Ein paar Minuten später setzen die Piloten den Airbus A321 Neo sanft auf der Piste des Pearson International Airports auf. Über eine Fluggastbrücke verlassen wir die Maschine, die für neun Stunden unser Zuhause war. Wir sind müde – aber keinesfalls kaputt.

Das Fazit der Reise

Auch wir waren vor dem Flug skeptisch, ob eine so lange Reise in einem kleinen Flugzeug wirklich erträglich ist. Wir wurden eines besseren belehrt. Ob kleines oder großes Flugzeug – das spielt keine Rolle. Den großen Komfort sucht man als Economy-Passagier in beiden vergeblich. Zentral fürs Wohlbefinden ist die Crew und die war auf unserem 9:13 Stunden dauernden Testflug sehr zuvorkommend und professionell. Dass auf unserem Testflug Bordunterhaltung und Essen fehlte, lag nicht am Flugzeugtyp, sondern an der Airline.

Würden Sie in einem kleinen Flugzeug (A321 oder 737) über den Atlantik fliegen?

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