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Nachhaltiger Tourismus in Japan: auf gutem Weg

«Kyōsei» ist der japanische Begriff für «Symbiose» und beschreibt zwei Elemente, die in Harmonie miteinander existieren und sich gegenseitig guttun.

Alle Bilder: Japan National Tourism Organization (JNTO)

Doch wie kann Japan seinen Tourismussektor in der Post-COVID-19-Ära ankurbeln und gleichzeitig nachhaltiges Reisen fördern? Die Japanische Fremdenverkehrszentrale (JNTO) hat eine Reihe von Massnahmen angekündigt, damit die Tourismusförderung im Land nicht nur wirtschaftlich positive Effekte zeitigt, sondern auch der Umwelt und lokalen Bevölkerung zuträglich ist. Inzwischen hat die Non-Profit-Organisation «Green Destinations» zwölf japanische Projekte in die 100 besten Stories über Nachhaltigkeit im Tourismus aufgenommen. Kein anderes Land der Welt ist so oft für den «Green Destination Stories Award» nominiert.

Im Zuge der COVID-19-Krise wurde weltweit der Ruf nach einer nachhaltigen Tourismusentwicklung lauter. Der nach wie vor geltende Einreisestopp und das damit verbundene Ausbleiben von internationalen Gästen boten Japan die Gelegenheit, über nachhaltiges Reisen im Land zu reflektieren und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Die Japanische Fremdenverkehrszentrale (JNTO) hat sich zum Ziel gesetzt, das Land der aufgehenden Sonne künftig zu einem bevorzugten Reiseziel für Reisende aus aller Welt zu machen und dabei die lokale Umwelt und ihre Artenvielfalt zu schützen und zu pflegen; die lokalen Kulturen zu respektieren und zu bewahren sowie die lokale Wirtschaft zu unterstützen.

Und es gibt schon viele wegweisende Projekte und Erfolgsgeschichten aus Japan. Zwölf davon nahm die Non-Profit-Organisation «Green Destinations» Anfang Oktober 2021 in ihre Liste der «100 besten Stories über Nachhaltigkeit im Tourismus» auf: Die Insel Amami-Oshima, Aso-Stadt, die Destination Kamaishi, Kyoto-Stadt, das Nagara-Flussbecken, Nanao-Stadt und Nakanoto-Stadt, Nasushiobara-Stadt, das Wintersport-Resort Niseko, Sado-Stadt, die Reisterrassen von Shodoshima, Toyooka-Stadt und die Insel Yoron. Nächstes Jahr soll an der ITB Berlin der «Green Destinations Award» verliehen werden – für Japan stehen die Chancen auf den Titel auf grün.

Musterbeispiel: auf nach Klein-Kyoto im Seto-Binnenmeer

Statt für Overtourism stehen die Erfolgsgeschichten von nachhaltigen touristischen Projekten aus Japan für einzigartige Erlebnisse, die nicht nur umweltfreundlicher sind, sondern Reisende auch dazu ermutigen, mehr von der lokalen Kultur und Geschichte der Destination zu erfahren. Zum Beispiel bei einer Rundreise durch das Seto-Binnenmeer zwischen den Inseln Honshu, Kyushu und Shikoku. Es erstreckt sich über 400 Kilometer von Osaka bis Kitakyushu und umfasst rund 3’000 Inseln, von denen viele bewohnt und durch ein Fährennetz verbunden sind. Jahrhundertelang diente es als wichtige Handelsroute zwischen Osaka, Hiroshima und Beppu. Auf einer vom Seto Inland Sea Ecotourism Council zusammengestellten Boots-Tour offenbart sich die außergewöhnliche Schönheit und Geschichte dieser Region. Im Fokus stehen der Obstbau auf der Insel Osakikamijima, die Austernzucht in Yasuura sowie die Salzgewinnung und die Herstellung von Whiskey in Takehara. Takehara – als «Klein-Kyoto der Provinz Aki» bekannt – war zur Blütezeit ein wichtiger Produzent von Salz und Sake ist der Geburtsort von Masataka Taketsuru, dem Vater des japanischen Whiskys. Und weil die Liebe für ein Land nicht zuletzt durch den Magen geht, gehören die Sensibilisierung für Esskultur, die Förderung lokaler Produkte und das Angebot von Genuss-Erlebnissen ebenfalls zum JNTO-Massnahmenfächer.

Nachhaltig unterwegs: eine bewusste Wahl

Begleitet von einheimischen Guides lernen Reisende viel mehr über das Handwerk, die Kunst und Kultur in Japan, als wenn sie nur die klassischen Tourismus-Hotspots von der Bucketlist abhaken. Von der klassischen Route abzuweichen, lohnt sich: Allen voran in der Präfektur Wakayama, die 2021 den Lonely Planet Reader’s Choice Awards für nachhaltige Angebote gewonnen hat. Nur einen Katzensprung von Kyoto oder Osaka entfernt, gewährt Wakayama unter anderem auf den einstigen Pilgerwegen einen außergewöhnlichen Zugang zur Natur und ist stolz auf deren kontinuierliche Pflege. Das ländliche Leben wird beim «WWOOFing» auf Bauernhöfen lebendig: Über das Netzwerk «World Wide Opportunities on Organic Farms» (kurz WWOOF) haben Naturverbundene die Möglichkeit, in Form von Aufenthalten und freiwilligen Einsätzen das Leben und Arbeiten auf japanischen Biobauernhöfen kennenzulernen. Vom Menschen unberührte Naturlandschaften sind in den sage und schreibe 34 Nationalparks Japans erlebbar. Reiseveranstalter wie picchio (aktiv auf der Hauptinsel in den japanischen Alpen sowie auf Hokkaido) oder Evergreen Outdoor Center (aktiv in Hakuba, Präfektur Nagano) spezialisieren sich auf geführte Wanderungen und Wildtierbeobachtungen, die einen aktiven Beitrag zu Umwelt- und Tierschutzprogrammen leisten. Und wer Glück hat, begegnet sogar dem Asiatischen Schwarzbären.

Nachhaltige Japanreise: das Timing ist entscheidend

Punkto Unterkunft stehen verantwortungsbewussten Reisenden attraktive Alternativen zur Auswahl. Neben den klassischen Ryokans, die vielerorts seit zig Generationen von derselben Familie geführt werden, sind immer mehr Hotels stärker ökologisch unterwegs. Jüngstes Beispiel ist das Iriomote Hotel auf der gleichnamigen subtropischen Insel im Südwesten Japans: Es will das erste Ökotourismus-Resort Japans werden, das aktiven Umweltschutz betreibt und eine Struktur für nachhaltigen Tourismus schafft. Vorbildliches tut sich auch in der Präfektur Yamagata, einer der wichtigsten Reisanbauregionen Japans. Star-Architekt Shigeru Bahn hat hier das 2018 eröffnete SUIDEN TERRASSE so entworfen, als würde es auf dem Reisfeld schwimmen. Für den Bau kamen neben natürlichen Materialien auch Dachziegel eines Hauses zum Einsatz, das 2016 nach einem Erdbeben einstürzte. Doch auch im tourismusintensiven Kyoto gibt es nachhaltige Optionen, etwa das GOOD NATURE HOTEL, das sich mitten in der geschäftigen Stadt in einem Einkaufskomplex befindet und weltweit das erste Hotel ist, das als umwelt- und gesundheitsbewusstes Gebäude zertifiziert wurde[1]. Schließlich werden touristische Hotspots entlastet, indem sich Reisende für die Nebensaison entscheiden. Japan ist auch außerhalb der Kirschblüte im Frühling und der zweiten Hochsaison mit dem goldenen Herbst stets eine Reise wert. Warum also nicht mal im Winter das Land der aufgehenden Sonne bereisen? Niseko, ein für exzellenten Pulverschnee berühmtes Wintersport-Resort auf Hokkaido, begegnet dem Klimawandel mit verschiedenen nachhaltigen Investitionen. Dank der Installation von Wärmepumpen konnte Niseko in den letzten Jahren die CO2-Emmissionen um 70 Tonnen senken. Die Einnahmen fließen zurück in die Gemeindekasse. Win-Win also – aus wirtschaftlicher wie auch ökologischer Perspektive.