«Viele Piloten haben Angst davor»

Der Pilot der B777 von Asiana scheiterte beim Anflug. Die Landung in San Francisco sei heikel, sagen erfahrene Piloten. Sie orten auch Ausbildungsdefizite in Asien.

«Im Grunde ist es ein Wunder, dass asiatische Piloten nicht viel öfter ihre Flugzeuge kaputt fliegen.» Es ist ein hartes Urteil, dass ein britischer Linienpilot im Gespräch mit aeroTELEGRAPH über seine Berufskollegen fällt. Er selbst möchte anonym bleiben. Vor seinem Job bei einer großen europäischen Fluggesellschaft, arbeitete er Jahre lang in China und Korea – aber nie für Asiana. Mehrmals flog der B747-Pilot damals auch nach San Francisco.

«Der Anflug ist nicht einfach», erklärt er. Man müsse den Gleitweg oft anpassen und genau im Auge behalten. Es komme vor, dass man kurzfristige Änderungen vornehmen müsse, die viel Erfahrung erfordern. Der Pilot der Asiana-Boeing-B777 hatte die nicht. Er war auf dem Flugzeugtypen unerfahren. Auch wenn er über 10’000 Flugstunden gesammelt hatte – auf der B777 waren es erst 43. In San Francisco war er mit dem Flieger noch gar nie gelandet.

Flughafen nicht schuld

Dem Flughafen und seiner Beschaffenheit könne man keine Schuld für den Zwischenfall geben, so ein anderer Pilot, der ebenfalls für eine große europäische Fluglinie auf der Langstrecke fliegt und anonym bleiben will. «Die Topografie verlangt es zwar, am Ende schnell herunter zu ziehen», erklärt er. «Doch im Grunde führt das in der Regel dazu, dass der Jet zu hoch und zu schnell ist. Der Asiana-Jet flog zu tief und zu langsam.»

Ein Grund könne sein, dass man sich zu sehr auf den Autopilot verlasse, so der erfahrene Kapitän. «Viele Piloten in Asien haben schreckliche Angst vor einem Sichtanflug, wie die B777 ihn fliegen sollte», erklärt der asienerfahrene Pilot. Er habe bei seinen Kollegen oft erlebt, dass sie den Autopiloten erst auf etwa 300 Fuß Höhe ausgestellt hätten. Dort sei es im Zweifel zu spät, im Gleitweg noch Anpassungen vorzunehmen. «Das Training für solche Anflüge ist in Asien oft mangelhaft», beklagt er. Es sei fast schon erstaunlich, dass es nicht öfter zu derartigen Zwischenfällen komme.

Kulturelle Probleme

Ein weiterer möglicher Grund ist kultureller Natur. Der Pilot der Maschine hatte erst im letzten Moment ein Durchstarten beantragt. Doch da war es zu spät dafür. Dass sein Kollege im Cockpit nicht früher eingegriffen hatte, sei nicht ungewöhnlich. «Es herrscht dort eine rigide Hierarchie-Hörigkeit», so der Kapitän. «Die ersten Offiziere trauen sich kaum je, ihren Kapitän zu kritisieren, geschweige denn einzugreifen.»

In den meisten Fällen würde der Pilot einen Rat aber auch nicht annehmen. Doch gerade in diesem Fall ist da ungewöhnlich. Denn der Kopilot hatte auf der B777 rund 12’000 Stunden Erfahrung. Experten gehen davon aus, dass er als Ausbilder des Kapitäns an Bord war, der sich laut Asiana noch «im Training» befand.

Mehr Unterstützung nötig

Auf Mängel bei der Crew weist auch der andere Langstreckenpilot hin. «Es ist schon fragwürdig, falls wirklich nur zwei Piloten im Cockpit saßen», erklärt er. Denn der Flug habe immerhin mehr als zehn Stunden gedauert. «Auf einer so langen Strecke sollte man im Cockpit mehr Unterstützung haben.»

Bis die wirklichen Umstände aufgeklärt sind, dürfte es laut der Untersuchungsbehörde NTSB noch einige Zeit dauern. Doch schon jetzt scheint klar zu sein, dass der Unfall auf menschliches und nicht technisches Versagen zurück zu führen war. Sehen Sie sich in der Bildergalerie oben an, wie das Wrack nach dem Unfall aussieht.



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