«Neue interessante Verbindungen»

Stefan Eiselin
Aufsichtsrats-Vorsitzender und Finanzminister Thomas Schäfer: «In den kommenden Flugplänen neue interessante Flugverbindungen.»
Aufsichtsrats-Vorsitzender und Finanzminister Thomas Schäfer: «In den kommenden Flugplänen neue interessante Flugverbindungen.»
Thomas Schäfer/Flughafen Kassel-Calden/Montage aeroTELEGRAPH

Kassel-Calden brauche halt eine Anlaufzeit, sagt Hessens Finanzminister Thomas Schäfer im Interview mit aeroTELEGRAPH. Doch schon jetzt sei man zufrieden.

Vier Monate nach der Eröffnung steht der neue Regionalflughafen in Nordhessen in der Kritik. Die Passagierzahlen sind viel geringer als prognostiziert. War Kassel-Calden eine Fehlinvestition? Im Gegenteil, findet Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), der zugleich den Aufsichtsrat des Flughafens präsidiert. Das Geld sei hier absolut richtig investiert worden. Im Gespräch mit aeroTELEGRAPH spricht er über falsche Perspektiven, die Wirtschaftlichkeit und die Aussichten für den Flughafen.

Sie genossen gerade ein paar freie Tage. Flogen Sie ab Kassel-Calden an ihr Urlaubsziel?
Thomas Schäfer: Ich habe mich diesmal für die Fahrt mit dem Auto entschieden.

Sie sind nicht der einzige. Obwohl eigentlich Hochsaison wäre, herrscht am neuen Regionalflughafen gespenstische Ruhe. Das muss Sie beunruhigen.
Gespenstige Ruhe herrscht vielleicht auf dem neuen Hauptstadtflughafen in Berlin. In Kassel-Calden nach meinem Eindruck nicht. Ihre Frage provoziert daher meine Gegenfrage: Wann waren Sie zum letzten Mal in Kassel-Calden? Am Wochenende vom 20. und 21. Juli beispielsweise gab es am neuen Flughafen rund 450 Flugbewegungen. Das sind Flugzeuge des Geschäftsreiseverkehrs oder aus dem Bereich der allgemeinen Luftfahrt. Die Entscheidung für den Aus- und Neubau des Flughafens Kassel-Calden gründet auf den positiven Prognosen für die mittel- und langfristige Verkehrsentwicklung. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass diese Entscheidung für die Wirtschaft, die verkehrliche Infrastruktur und die Menschen in Nordhessen richtig und notwendig war. Dies gilt auch deshalb, da andere Verkehrsbereiche wie der Geschäftsreiseverkehr langfristig nicht am alten Landeplatz hätten operieren können.

Aber der Start verläuft harzig.
Es war von vornherein klar, dass die ersten Jahre des Betriebs im Zeichen der Etablierung des Flughafens am Markt stehen werden. Wir alle sollten der Versuchung widerstehen, nach einigen Monaten ein endgültiges Urteil zu fällen. Leider erleben wir dies in unserer schnelllebigen Zeit in manchen Bereichen viel zu oft. Die Siegerehrung bei einem Langstreckenlauf wird schließlich auch nicht anhand des Zwischenstands nach 150 Metern vorgenommen. Grundsätzlich gilt, dass ein neuer Flughafen eine Anlaufzeit braucht. Viele Fluggesellschaften warten zunächst den Start ab und beobachten den Markt, bevor sie zu ernsthaften Gesprächen über die Etablierung von Flugverbindungen und zu einer langfristigen Bindung an einen neuen Flughafen bereit sind. Insoweit bin ich zuversichtlich, dass nach der erfolgreichen und weitgehend reibungslosen Inbetriebnahme des Flughafens die Auslastung sukzessive steigt und in den kommenden Flugplänen neue interessante und lukrative Flugverbindungen und insbesondere Linienflugverbindungen aufgenommen werden können.

Dennoch Hand aufs Herz: Wozu braucht man einen kleinen Flughafen, wenn doch die ungleich größeren Paderborn und sogar Frankfurt in der Nähe liegen?
Es geht um die Erhöhung der Standortattraktivität Nordhessens sowohl für Unternehmen als auch Beschäftigte und um den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Ein Regionalflughafen stärkt durch eine leistungsfähige Luftverkehrsanbindung die Mobilität in einer Region und ist somit eine sinnvolle und notwendige Ergänzung der Verkehrsinfrastruktur. Studien belegen, dass Regionen, die über keine nahe und leistungsfähige Luftverkehrsanbindung verfügen, wirtschaftlich im Nachteil sind. Genauso wie der Staat im Straßenbereich und bei den Schienen- und Wasserwegen und dem öffentlichen Personenverkehr für eine bedarfsgerechte Infrastruktur sorgt, muss er, soweit – wie in Nordhessen - der Bedarf vorhanden ist, auch für die notwendige Infrastruktur im Luftverkehr sorgen.

Die Tendenz ist aber erschreckend. Noch Anfang des Jahres rechneten Sie mit 130'000 Passagieren. Aktuell spricht die Geschäftsführung nur noch von 60'000 bis 70'000. Und auch das ist wohl noch optimistisch geschätzt. Was läuft schief?
Zunächst erlaube ich mir nochmals den Hinweis: Der Flughafen ist erst seit knapp vier Monaten in Betrieb. Wie sich der Flughafen entwickelt, kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilt werden. Dass die Erwartungen hinsichtlich des Passagieraufkommens heruntergeschraubt werden mussten, liegt in erster Linie an der unerwarteten Insolvenz einiger Fluggesellschaften. Aufgrund des Endes von XL-Airways sind drei wöchentliche Mallorca-Flüge und ein wöchentlicher Flug auf die Kanaren weggefallen. Zudem hat der Flughafen unter der Insolvenz der Sky Airlines im Juni zu leiden, da dadurch Flüge in Kassel-Calden abgezogen wurden, um die ausgefallenen Sky-Flüge zu kompensieren. Das Marktumfeld ist momentan schwierig – das können sie nicht ausblenden und stattdessen den Flughafen selbst verantwortlich machen.

Zieht man die Privatfliegerei ab, kann der neue Flughafen im ersten Jahr gar nur maximal 40'000 neue Passagiere gewinnen. Pro Reisenden verlieren Sie also rund 500 Euro – ein schlechtes Geschäft.
Grundsätzlich halte ich es für problematisch, den Erfolg und die Sinnhaftigkeit von öffentlichen Zuschüssen vor allem auf den ersten Metern allein an monetären und betriebswirtschaftlichen Faktoren zu messen. In erster Linie dient die Ergänzung der verkehrlichen Infrastruktur durch den Ausbau des Flughafens Kassel-Calden als Wirtschafts- und Standortfaktor der regionalen Daseinsvorsorge und der nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in Nordhessen. Die regionalökonomische Bedeutung des Flughafens wurde zuletzt durch die Studie von Ökonomieprofessor Richard Klophaus belegt. Gerade die positiven Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte im Zusammenhang mit dem Ausbau und Betrieb des Flughafens zeigen, dass sich das Geschäft durchaus lohnt. Letztlich können somit beispielsweise die im Jahr 2012 angefallenen Verluste für die Flughafenbetreibergesellschaft von 6,6 Millionen Euro durch Steuereinnahmen aus den direkten, indirekten und induzierten Effekten in Höhe von 34,4 Millionen Euro mehr als ausgeglichen werden.

Aber so kann Kassel-Calden langfristig nur dank massiven Subventionen überleben. Wäre das Geld nicht anderswo besser investiert?
Unser Ziel ist und bleibt es, dass sich die Flughafenbetreibergesellschaft finanziell selbst trägt und der Flughafen nicht von öffentlichen Zuschüssen abhängig ist. Angesichts der positiven Effekte, die in Nordhessen im Zusammenhang mit dem Ausbau und Betrieb des Flughafens bereits jetzt eingetreten und in Zukunft zu erwarten sind, ist das Geld genau richtig investiert.

Viele Bürger beschweren sich aber inzwischen, dass sie als Steuerzahler den Flughafen über Wasser halten müssen. Verstehen Sie deren Ärger?
Ich verstehe den Unmut vieler Bürger über öffentliche Investitionen, die zeitlich und finanziell aus dem Ruder laufen. Gerade in jüngster Vergangenheit finden sich dafür prominente Beispiele. Der Ausbau des Flughafens Kassel-Calden ist im Rahmen der haushalterisch abgebildeten Kosten geblieben. Darauf können wir stolz sein. Jetzt muss der Flughafen eine faire Chance erhalten, sich im Markt zu etablieren und in Ruhe zu arbeiten und zu wachsen.

Nächstes Jahr droht aber Ihnen neues Ungemach: Die EU will dann neue Regeln für Beihilfen an Regionalflughäfen einführen. Das macht die Situation noch schwieriger.
Der Vorschlag der EU beinhaltet sehr strikte Regelungen für zukünftige Betriebsbeihilfen, die nicht nur Kassel-Calden, sondern eine Vielzahl von Flughäfen in der EU betreffen. Entsprechend besorgt haben sich deshalb schon einige Flughafenverbände öffentlich geäußert. Welche konkreten Konsequenzen der Vorschlag der EU-Kommission für den Flughafen Kassel-Calden haben würde, prüfen wir derzeit. Momentan findet ein Konsultationsverfahren zum Entwurf der neuen EU- Leitlinien statt. Es bleibt also abzuwarten, in welcher Form die Regelungen letztlich verabschiedet werden.

Was tun Sie, damit sich die Situation nachhaltig verbessert?
Ich bin zuversichtlich, dass die Bemühungen des Vertriebs- und Marketingteams des Flughafens, das bei Fluglinien, Reiseveranstaltern, Reisebüros und beim Endkunden aktiv für den Flughafen wirbt, schon bald Früchte tragen wird und die Auslastung des Flughafens nennenswert gesteigert werden kann. Neben der weiteren Entwicklung des Streckenportfolios ist im Moment vor allem die Stabilität des Bestandsflugplans im Kernfokus.

Sprechen Sie auch mit Billigfluggesellschaften wie etwa Ryanair über die Möglichkeit eines Fluges nach Kassel-Calden?
Der FGK spricht mit allen in Frage kommenden Fluggesellschaften. Allerdings müssen bestimmte Kriterien berücksichtigt werden: Kassel-Calden hat als neuer Marktteilnehmer eine sehr wettbewerbsfähige Entgeltstruktur, die diskriminierungsfrei und EU-konform ausgestaltet ist. Gerade die von Ihnen so genannten Billigfluggesellschaften wollen solche Entgelte oftmals nicht zahlen.

Mit welchen Fluggesellschaften reden Sie konkret?
Wie bereits gesagt: Das Vertriebsteam des Flughafens redet grundsätzlich mit allen Anbietern, die aufgrund ihrer Flottensituation und ihrer Stationierungsorte Verbindungen ab/bis Kassel-Calden anbieten könnten, die sich mit dem nachgefragten Verkehrspotenzial decken. Solche Gespräche sind jedoch Teil eines langwierigen Geschäftsanbahnungsprozesses und führen nicht nach dem ersten Termin zu Erfolgen. Da in dieser Phase grundsätzlich Vertraulichkeit zwischen den Gesprächspartnern zugesichert wird, kann ich hier keine Namen von einzelnen Airlines nennen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass insbesondere im Urlaubsreiseverkehr zeitgleich auch intensive Gespräche mit nahezu sämtlichen Reiseveranstaltern geführt werden. In diesem Bereich kann eine Flugverbindung erst erfolgreich etabliert werden, wenn die Reiseveranstalter bereit sind, bei den Fluggesellschaften Kontingente abzunehmen.

Blogger nennen Kassel-Calden dennoch mittlerweile «die größte Kartbahn Europas». Wann ziehen Sie die Reißleine, wenn sich die Situation nicht bessert?
Ich bin gerade aus einem sehr naturverbundenen Urlaub in Südtirol zurückgekommen, habe in und durch die Natur unglaublich schöne Eindrücke gewonnen. Das geht ohne ständig einen PC vor der Nase zu haben am besten. Vielleicht sollte mancher Blogger auch einmal so etwas ausprobieren. Von Kassel-Calden erreicht man entspannt und unkompliziert sehr schöne Reiseziele. Ich bin mir sicher, dass sich die Blogs danach ganz anders lesen werden. 


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