Letzte Aktualisierung: 16:15 Uhr

Kunstflug

Einmal kopfüber fliegen

Ein Abenteuerurlaub der besonderen Art: Aerobatics fliegen mit den Royal Jordanian Falcons über dem Roten Meer.

Silvia Finke

Extra 300 der Royal Jordanian Falcons: FLug über Wüste und Meer.

Schmuck sehen sie ja schon aus, die kleinen rot-goldenen Maschinen, die vor dem Hangar an der Tankstelle stehen. Nur allzu groß ist das Modell Extra 300 L, das die Royal Jordanian Falcons für ihre Vorstellungen benutzen, nicht. Die Flügelspannweite misst gerade mal 8 Meter, bei einem Maximalgewicht von 950 Kilogramm. Damit also turnen die am Himmel herum, als ob es keine Schranken gäbe? Damit soll ich also mitfliegen? Passen da überhaupt zwei Personen hinein?

Was als Geburtstagsgeschenk für eine flugbegeisterte und Royal-Jordanian-Falcons-verrückte Kollegin begann, wird jetzt Ernst. Auf die Anfrage, ob es denn möglich wäre, einmal eines der Flugzeuge von nahem zu sehen, hat der Direktor der Falcons, Ghazi Al Sadoun, äußerst freundlich und zuvorkommend reagiert – es war möglich, ganz unkompliziert! Und am Schluss des Treffens der dahingeworfene Satz «If you come to Aqaba you can fly with us»…

Viele Sicherheitsvorkehrungen

So eine Einladung nach Jordanien überrascht – und hat es in sich. Natürlich wollen wir und nach Abwägung aller Risiken sagen wir zu. Der Anschlag in Kerak lässt uns kurz überlegen, aber wir vertrauen Ghazi, der alle Bedenken zerstreut. Wir machen uns auf den Weg und nach sieben Stunden sind wir in Aqaba.

Schon beim Zwischenstopp in Ammann sind uns die viele Sicherheitsvorkehrungen aufgefallen – und es gibt sicherlich noch mehr, die man nicht sehen kann. Einerseits nervt es etwas, bei jeder Gelegenheit die Tasche aufs Band zu legen und durch den Bogen zu gehen, aber es vermittelt auch ein Gefühl der Sicherheit. Und so modern und international Ammann-Airport auch ist – es ist eben nicht Brüssel oder Amsterdam und dieser Teil der Welt ist nun einmal derzeit etwas unruhiger (wovon wir aber ansonsten nichts bemerkt haben).

Lebhafte Stadt

Auch in Aqaba wieder Kontrollen, Checkpoints auf den Straßen und am Eingang des Resorts die Prüfung auf Sprengstoff im Auto. Am nächsten Tag fahren wir mit dem Taxi in die Stadt. Aqaba ist lebhaft, mit viele kleinen Gassen und noch mehr Geschäften. Wir können uns völlig unbehelligt bewegen (was der Kreditkarte gar nicht guttut, wir erliegen der einen oder anderen Versuchung). Was auffällt: wirklich jeder spricht mehr oder minder gut Englisch – egal, ob alt oder jung. Das macht das Leben und das Feilschen viel einfacher und wir kommen ziemlich bepackt wieder im Hotel an.

Jetzt stehen wir also vor den Maschinen. Natürlich müssen wir einen Fallschirm tragen – man weiß ja nie. Die Einweisung ist für Laien geeignet und es gibt nur einen Griff, um daran zu ziehen; damit auch nur einen Strang, um zu steuern. Na ja, ich kann surfen, und Wind in einem Segel reagiert hoffentlich immer gleich… zumindest beim Bremsen. «Wenn die Kanzel abgesprengt wird, dann sieh zu, dass du aus dem Flugzeug kommt, direkt am Ansatz auf den Flügel stellen und springen…» bekommen wir noch mit auf den Weg.

Die Außenhaut ist dünn

Ausgestattet mit Fallschirm, Ohrhörern und Sprechanlage klettere ich nach Anweisung des Piloten mit einer bestimmten Schrittkombination in die Maschine. Es ist recht eng und die Außenhaut fühlt sich eher dünn an – ist aber ein stabiles Karbon- Metall-Konstrukt. Die Falcons tun alles, um dem ungeübten Passagier die Nervosität zu nehmen, ein leichtes Kribbeln im Bauch bleibt aber trotzdem.

Es wird schon recht laut beim Start, aber sobald die Maschine in der Luft ist, gibt es nur das Motorengeräusch. Wir gewinnen schnell an Höhe und Aqaba und das Rote Meer liegen malerisch unter uns. Die zweite Maschine ist neben, sehr nah neben uns. Bei dieser Geschwindigkeit so eng zu fliegen, ist schon ein besonderes Erlebnis. Ich schaue mich um. Es ist ein reizvoller, wenn auch irgendwie unlogischer Kontrast, eine Wüste mit Bergen bis ans Wasser gehen zu sehen; außer Wasser sehe ich nur Wüste.

Daumen aufwärts

Nachdem mein Pilot Sharif Hatouq, der normalerweise den rechten Flügel der Formation fliegt, so ein wenig ausgetestet hat, wie ich auf Schräglagen des Flugzeugs reagiere (90 Grad fühlen sich so ähnlich an wie Motorrad-Kurvenfahren in einer Spitzkehre auf der letzten Rille) fragt er, ob ich Manöver sehen möchte – sehen ist gut, ich bin ja mittendrin! Aber ich will (trotzdem bitte ich, nicht «wild» wie vorgeschlagen, sondern «sanft» anzufangen)! Es folgt eine seitliche Rolle – schon ein etwas ungewohntes Gefühl, aber ich vertrage es gut. Auf die obligatorische Frage «Are you ok?» kann ich ganz relaxt den Daumen heben.

Jetzt fängt Sharif an zu tanzen, rechte Rolle, linke Rolle, geradeaus… das Ganze bei wolkenlos blauem Himmel, strahlendem Sonnenschein und kaum Wind, also Traumbedingungen. Ich erfahre nebenbei, dass die Maschinen Kräfte bis zu +10/-10 G aushalten – und ich also auch. Für einen ungeübten Körper nicht einfach (wir erreichen dieses Niveau ja auch nicht, aber das, was wir erreichen, ist auch schon recht ungewohnt). Trotzdem, ich fühle mich absolut sicher als Sharif’s Passagier und hoffe, dass mein Magen auch durchhält. Wir fliegen einen grossen Bogen Richtung saudi-arabische Grenze (die ist nicht weit von Aqaba) und über das Rote Meer. Nachdem Sharif meinem Körper etwas Erholung gegönnt hat, kommt jetzt das – unangekündigte – Highlight.

Und nun kopfüber

Die Maschine kippt und ich denke, es gibt eine weitere Rolle – weit gefehlt! Wir stoppen die Drehung nach 180 Grad und fliegen reverse! Irgendwie schräg, kopfüber über dem Roten Meer – so ein wenig wie Achterbahn fahren. Fotografieren tue ich jetzt nicht mehr, ist für den Magen nicht gut und außerdem nimmt es zu viel vom Erlebnis. Es läuft ja eine Kamera in der Maschine mit. Als wir wieder in einer normalen Position sind, merke ich ihn dann doch – den Magen, aller prophylaktischen Chemie zum Trotz. Es ist schade – das flaue Gefühl ist nicht schlimm, aber ich möchte Sharif das ausführliche Putzen der Kanzel ersparen und ich weiß nicht, wie es nach der nächsten Figur aussehen würde.

Also fliegen wir relativ brav, nur mit einigen Schlenkern in den Kurven nach rechts oder links, zur Basis zurück. Beide Maschinen setzen sanft auf und das grosse Abenteuer hat nach einer knappen halben Stunde ein Ende. Für mich hätte es – einen stabilen Magen vorausgesetzt – weitergehen können. Und körperliche Reaktionen haben mehr mit mir als den Flugkünsten Falcons zu tun – auch der Pilot einer großen Fluggesellschaft, privat Flieger und während des Fluges einige Manöver selbst fliegend, kam mit einem flauen Gefühl am Boden an, wie man mir versicherte. Der Magen reagiert halt recht unabhängig. Ich bin stolz auf mich, den Jungfern-Aerobatics-Flug gemeistert zu haben. Und beim nächsten Mal will ich einen Looping – wenn auch sicherheitshalber erst kurz vor der Landung.

Silvia Finke ist freie Kolumnistin von aeroTELEGRAPH. Hauptberuflich ist sie Kommunikationsspezialistin. Sie schreibt zudem als Kolumnistin für bilanz.ch und bilanz.de. Daneben interessiert sie die Fotografie. Die Meinung der freien Kolumnisten muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.



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