Letzte Aktualisierung: 11:31 Uhr

Junkers F 13

«Die Junkers F 13 hat mich nie enttäuscht»

Die Junkers F 13 war das erste Flugzeug, das komplett aus Metall gebaut wurde. aeroTELEGRAPH hat zwei Piloten aufgespürt, die in ihrer Karriere noch Passagiere mit dem legendären deutschen Flieger transportiert haben.

Sie war zu ihrer Zeit unschlagbar. Mit der F 13 schufen die Junkers Flugzeugwerke 1919 ein Flugzeug, das alle anderen Modelle in den Schatten stellte. Die Passagiere konnten erstmals in einer großzügigen, beleuchteten und beheizbaren Kabine mit Fenstern, einer Tür sowie Sitzen mit Sicherheitsgurten mitfliegen. Bis dahin waren Flüge eine kühle und oftmals auch nasse Angelegenheit gewesen, da man als Reisender im halboffenen Rümpfen saß.

Auch Fluggesellschaften profitierten vom ersten ganz aus Metall gebauten Flugzeug, das in seiner Urversion 9,59 Meter lang war und eine Spannweite von 14,8 Metern aufwies. Die Konstruktion war stabil und wartungsfreundlich, die Betriebskosten waren tief und das Einsatzspektrum war breit. Und so wurde die Junkers F 13 mit Platz für zwei Piloten und vier Passagiere oder 689 Kilogramm Fracht zu einem Kassenschlager. 1925 betrug ihr weltweiter Marktanteil rund 40 Prozent. Bis zum Produktionsende wurden – je nach Quelle – 318 bis 328 Stück gebaut.

Der erste Flug als Kind

Doch wie fühlt es sich an, mit einem solchen Flugzeug zu fliegen? aeroTELEGRAPH hat zwei Piloten aufgespürt, die in ihrer Karriere mit der Junkers F 13 flogen. «Ich begann auf der Junkers F13, flog später Lockheed 10 Electra, Douglas DC-3, Curtiss C-46, Super Constellation, Caravelle, Boeing 707, McDonnell Douglas  DC-10 und Boeing 747. Ich habe sie alle erlebt», erzählt der heute 94-jährige Brasilianer Geraldo Knippling im Gespräch. Mit seinem ersten Flugzeugtyp verbindet ihn besonders viel.

Im Jahr 1933 kam Knippling erstmals mit einer Junkers F 13 in Kontakt. Der damals Elfjährige war schon lange vom Luftfahrtvirus infiziert. «Ich ging damals in ein Internat in Santa Cruz do Sul. Ich hatte gute Noten. Und deshalb schenkten meine Eltern mir einen Flug nach Porto Alegre. Der dauerte damals rund eine Stunde. Ich war begeistert», so der Ex-Pilot. «Und welcher Flugzeugtyp erwartet mich am Flughafen? Es war eine Junkers F 13 mit dem Taufnamen ‹Santa Cruz›.»

Der Draht zur Erde

Knippling studierte später Zivilluftfahrt in den USA. 1944 begann er, bei Varig zu arbeiten. Mit 21 Jahren wurde er der jüngste Pilot der Fluggesellschaft, die damals nur im Bundesstaat Rio Grande do Sul flog. Und sein erstes Flugzeug war just die  Junkers F 13 «Santa Cruz» mit dem Kennzeichen PP-VAG, in der er als Zwölfjähriger zum ersten Mal geflogen war. «Wir saßen damals neben einem so genannten ‹Combination› im Cockpit, einer Mischung aus Kopilot, Techniker und Telegraphisten», erinnert sich Knippling.

Der Beisitzer im Cockpit musste alle 30 Minuten die Position funken. Nicht immer war der Empfang gut. Deshalb installierte man bei Varig eine Spule mit Draht an den Junkers F 13. Am Ende befand sich ein Bleigewicht. Während des Fluges hing der Draht dann hinab – und diente als Antenne. «Bei einer Landung in Alegrete vergaß man einmal, den Draht vorher einzuziehen. Er touchierte eine Hochspannungsleitung. Es gab einen Kurzschluss, die ganze Stadt blieb danach stundenlang ohne Strom», so Knippling, dessen Vater aus Deutschland nach Brasilien eingewandert war. Im Flugzeug ist damals niemandem etwas passiert.

Das Pinkelglas

Auch Rubens Bordini erinnert sich noch bestens an die Junkers F 13. Er kam 1942 zu Varig. «Nach sechs Monaten Bürodienst – das war damals Pflicht – durfte ich als Pilot beginnen», erinnert sich der heute 96-Jährige. «Sie war ein tolles Flugzeug.»  Die Junkers F13 sei sehr robust gewesen und daher ideal für die prekären Flugplätze von Rio Grande do Sul. «Zudem war ihr Motor sehr zuverlässig. Die Junkers F 13 hat mich nie enttäuscht». Nur eines störte ihn. «Da das Cockpit offen war, war es im Winter oft sehr kalt und nass» so der Brasilianer. Varig hatte damals zwei F13 im Einsatz, bei der einen wurde später das Cockpit verglast.

Bordini erinnert sich bestens an einen Flug im Jahr 1943. «Ich flog von Bagé nach Porto Alegre», erzählt der Ex-Pilot. Die Reise dauerte drei Stunden. «Nach etwa einer Stunde klopfte einer der Passagiere an die Tür zum Cockpit. Er sagte irgendetwas und gestikulierte wild. In der Kabine war es sehr laut», so Bordini. Er habe dann begriffen, dass der Mann dringend urinieren musste. «Ich musste eine Lösung finden. Zum Glück hatte Varig damals als Bordservice in einer Tasche an der Wand der Junkers F 13 zwei Flaschen Mineralwasser und Gläser mitgeführt. Ich sagte ihm, er müsse in eines der Gläser pinkeln». Das tat er auch. Bis zur Landung musste der Passagier dann das Glas festhalten, damit der Urin nicht in die Kabine schwappte.

Die fehlende Sicht

Wenn er noch jung wäre, würde Bordini heute noch immer gerne Pilot sein. «Die Technik wurde unendlich viel besser, der Komfort stieg auch und die Sicherheit hat sich natürlich massiv verbessert», begründet er. Knippling geht es genauso: «Die technischen Begrenzungen waren eine Herausforderung, das stachelte uns aber an», so der ehemalige Kapitän.

Wie schwer die Bedingungen teilweise waren, zeigt eine weitere Geschichte, an die sich Bordini erinnert. «Ich war als Pilot mit einer Junkers F 13 unterwegs von Pelotas nach Porto Alegre. Das Wetter war extrem schlecht.» Er visierte das Ufer des Rio Guaíba an. Doch plötzlich sah er gar nichts mehr. «Ich flog hin und her, aber ich wusste nicht mehr wo ich war», so Bordini. Zu allem Übel brach genau da die Dunkelheit ein. «Ich musste dringend landen, es gab ja weder am Flugzeug selbst noch am Boden eine Beleuchtung», so der brasilianische Aviatikpionier, der für Varig später andere Modelle flog und am Ende vor allem in der Ausbildung von Piloten tätig war.

Das Feuer speiende Wesen

«Da erinnerte ich mich an die Pseudopiste von Tapes», erinnert sich Bordini. «Ich landete dort quasi blind. Wir hatten aber keine Ahnung wo das nächste Dorf war, um von dort Hilfe zu holen.» Plötzlich tauchte ein Mann auf einem Pferd aus der Dunkelheit neben der Tragfläche auf. Er war durch ein Licht an Bord auf die Junkers F13 aufmerksam geworden. «Bruder, ich meinte zuerst das sei ein Boitatá», sagte der Unbekannte. Boitatá ist ein Feuer speiendes Wesen aus der Mythologie der brasilianischen Indianer. «Doch dann habe ich gemerkt, dass es ein Flugzeug ist. So ein Ding, wie ich es einmal in einem Magazin gesehen habe».

Der Mann ritt davon und nach einer Weile kamen ein paar Autos zurück. Mit ihnen durften die Besatzung und die Passagiere ins Dorf fahren. «Man hat uns Essen gegeben und warme, trockene Kleider», so Bordini. Dann wurde den Fremdlingen gesagt, dass im Dorf eine wichtige Hochzeit stattfinde. «Wir wurden eingeladen. Wir haben getrunken und getanzt», so Bordini. Und irgendwann seien sie alle todmüde eingeschlafen.

Der Vogel im Motor

An etwas anderes denkt Bordini auch oft zurück. Manchmal musste man auf den langen Reisen in Uruguiana einen Nachtstopp einlegen. Dabei wurden die Tankdeckel mit Draht und Blei versiegelt, um irgendwelche Sabotage zu verhindern. «Das war eigentlich nicht nötig. Aber wir hatten das von den Deutschen gelernt, die Varig in der Anfangszeit helfend beiseite standen. Sie hatten das wohl im Krieg gelernt», so Bordini. Am nächsten Tag seien die Siegel jeweils aufgebrochen worden. «Am Boden des Flugplatzes lagen mit der Zeit Unmengen von Blei und Draht herum», so der Rentner. Gewisse Vögel hätten das Material genutzt, um Nester zu bauen. «Oft taten sie das über Nacht im Motor», erinnert sich Bordini. Am Morgen mussten die Piloten dann das ganze Werk zerstören.

Mit der Junkers F 13 geflogen sein ist für beide Männer ein Privileg. «Ich bin dafür sehr dankbar», sagt Knippling. «Ich war Teil einer Gruppe von wenigen Menschen, die einen großen Fortschritt miterleben durften», so der ehemalige Pilot. Dass in Europa jetzt vom Kofferhersteller Rimowa eine Junkers F13 nachgebaut wird, halten sie für eine tolle Idee. «Ich würde liebend gerne einsteigen. Aber das Gefühl muss authentisch sein», sagt Knippling. Auch Bordini würde gerne noch einmal mit seinem ersten Flugzeugtyp mitfliegen. «Leider geht das kaum mehr», bedauert er. «Ich sitze inzwischen im Rollstuh».



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