Letzte Aktualisierung: 18:20 Uhr

AF447: Boeing gegen Airbus

Die A330-Steuerung steht in der Kritik. Ein alter Glaubenskrieg zwischen Boeing und Airbus ist neu entfacht.

Airbus

Cockpit eines A330: Die Steuerung steht in der Kritik.

Bei der Flugzeugsteuerung gehen die beiden Erzrivalen Airbus und Boeing völlig andere Wege. Bei Airbus steuert der Pilot das Flugzeug mit einem Stick – ähnlich den Joysticks bei Computerspielen. Bei Boeing steuert die Besatzung konventionell, so wie dies auch in kleinen Sportflugzeugen der Fall ist. Die Art und Weise von Airbus steht nun im Zusammenhang mit Air France-Flug 447, der auf dem Weg von Rio nach Paris im Jahr 2009 abstürzte, in der Kritik.

Der Voruntersuchungsbericht geht klar von menschlichem Versagen aus. Die Piloten haben nach einem Teilausfall der Cockpit-Instrumente falsch reagiert und das Flugzeug zum Absturz gebracht. Der Pilot am Steuer hat die Nase des Airbus A330-200 so lange und so steil nach oben gezogen, dass die Strömung abriss und das Flugzeug schlicht nicht mehr fliegen konnte und buchstäblich vom Himmel fiel. Doch zunehmend wird auch Kritik am Flugzeugtypen laut. So schreibt etwa die englische Zeitung The Telegraph sogar, dass AF447 kaum abgestürzt wäre, wenn dies eine Boeing und nicht ein Airbus gewesen wäre. Schon im französischen Dokumentationsfilm, welcher die letzten Minuten vor dem Absturz aufzeigt, kritisierte ein Experte die Airbus-Steuerung.

Keine Möglichkeit der Kontrolle

Das Problem: Der Steuerknüppel ist an der Seite angebracht. So haben die Piloten keine Möglichkeit, zu sehen, wie der Kollege jeweils steuert. Ebenfalls werden die Steuerbefehle nicht auf den anderen Stick übertragen. Im konkreten Fall hatten die anderen beiden anwesenden Piloten im Cockpit darum nicht gemerkt, dass der dritte Pilot die Nase des Flugzeugs stetig noch oben zog – was eben falsch war. Alarmtöne, ausgefallene Anzeigen sowie die stockdunkle Nacht verwirrte die Besatzung zusätzlich. Darum gelang es ihnen nicht, das Flugzeug wieder unter Kontrolle zu bringen.

Boeing nutzt nun den Vorfall, um gegen die Airbus-Steuerung Stimmung zu machen. «Wir hören wiederholt von Airline-Piloten, dass sie dadurch verunsichert sind», so ein Informant aus dem Unternehmen gegenüber der britischen Zeitung. Bereits in der Vergangenheit kritisierte der amerikanische Flugzeugbauer das europäische System. Selbst im modernsten Flagschiff, dem 787 Dreamliner, setzt Boeing daher weiterhin auf eine konventionelle Steuerung.

Eigentlich eine Entlastung

Bei Airbus genügt eine kurze seitliche Bewegung mit dem Stick, um eine Kurve zu fliegen. Der Pilot muss nicht die ganze Kurve manuell fliegen wie bei Boeing. Das ist eigentlich auch im Sinne vieler Piloten. Die Crew soll das entlasten. Stephen King von der britischen Airline-Piloten Vereinigung verteidigt daher das System: «Die meisten Airbus-Piloten lieben die Steuerung, weil sie ihnen ermöglicht, sich auf anderes zu konzentrieren. Manuelles Fliegen ermüdet stark.»

Aktuell liegt der Fokus der Ermittlung bei den Piloten, die Schuld bei Air France. Es ist davon auszugehen, dass dies auch im Schlussbericht so sein wird. Mit dem Resultat, dass die Verfahren und die Ausbildungen geändert werden. Airbus hat großes Interesse, dass dies so bleibt. Schadensansprüche und riesige Investitionen um das System anzupassen wären die Folge, falls dem Stick eine Mitschuld nachgewiesen wird.



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